Digital Humanities? – „Aberwitzig geil“!

Vortrag zum Auftakt des Symposiums

Vortrag zum Auftakt des Symposiums

 

Digital und algorithmisch, schön und gut. Die algorithmische Revolution ist doch vorüber, oder?
Mit dieser Frage leitete Frieder Nake heute Abend unser Symposium ein und stellte fest, dass die algorithmische Revolution eine sei, die niemand bemerkt, die jedoch unser Denken zutiefst verändert habe. Digitalität sei ein mathematisches Thema, das Berechnen werde daher vermutlich ein Kernthema der nächsten Tage sein.

Slide aus der Präsentation von F. Nake

Slide aus der Präsentation von F. Nake

Was aber kann das sein – das Digitale? Für Nake: Das Andere zum Analogen. Das Diskrete und das Kontinuierliche. In jedem Fall aber: „aberwitzig geil“. Denn die Digital Humanities gehen mit diskreten, algorithmischen Methoden an Fragen heran, die das eigentlich nicht erlauben würden. Programmieren negiere schließlich Kontexte, ohne Reduzierung von Kontext sei mit Computern nichts zu machen. Geisteswissenschaften aber leben von und mit den Kontexten. Indem die Welt zum Zeichen werde, erfahre sie  semiotische, syntaktische und algorithmische Reduktion. Das Einzelwerk wird uninteressant, interessant ist nur noch die Masse. Das sei die Postmoderne.

Was geschieht, wenn alle Vorgänge in berechenbare Vorgänge verwandelt werden? Kann man  Kunstwerke konservieren? Wieviel Sinn macht ‚bloße‘ Digitalisierung? Ist „4.0“ der neue (sinnfreie) Trendbegriff? Was passiert, wenn wir das Werkzeug wollen, aber Angst vor der Maschine haben? Fragen, die uns mit Sicherheit in den nächsten Tagen begleiten werden. Vielen Dank für diesen Auftakt, Frieder Nake!

Vortrag von Frieder Nake (HfK Bremen)

Vortrag von Frieder Nake (HfK Bremen)

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Ein Kommentar zu “Digital Humanities? – „Aberwitzig geil“!
  1. Frieder Nake sagt:

    Am Samstag des Symposium gab es ein paar interessante, sogar spannende Momente, in denen es ums Publizieren online, elektronisch, open source und solches ging. Die Aufforderung erging, man solle doch kurz von Erfahrungen mit Twitter und Blogs und solchem berichten. Einige folgten dem. Kaum anders zu erwarten: In der Kürze der Zeit tat sich eine zerklüftete Landschaft auf, wilder vielleicht als die, die uns hier umgibt am Comer See.

    Ich gehöre zu denen, die keinen Blog lesen, schon gar nicht und niemals bisher zu solchem beigetragen haben. Aus dem schlichten Grund, dass ich die Zeit dafür nicht habe, sie mir jedenfalls nicht nehme.

    Wenn ich hier nun ein paar Kommentare einstreue, so gehe ich nicht davon aus, dass jemand sie liest. Schon gar nicht, dass solches eine Debatte erzeugen könnte. Wieso sollte es? Alle haben wir, haben Sie keine Zeit oder eben nehmen Sie sie sich nicht. Würde ich die eine oder andere Beleidigung oder andere Schweinerei einstreuen, sähe das vielleicht anders aus. Aber ich liefere jetzt eine Bemerkung.

    Es gab nämlich am Samstag des Symposiums auch eine nette Aufforderung, ich sah sie als an mich gerichtet, noch mal das Thema oder den Aspekt der Zeichen auf oder mit „dem Computer“ oder so ein wenig zu erhellen. Und so fing ich, weil ich müde in der Hitze des Tages war, an, auf einem Zettel zu schreiben. Das Schreiben musste ich unterbrechen und abbrechen, als meine Aufmerksamkeit sich zurück meldete. Deswegen nun hier ein paar Sätze, die ich dem – aus meiner Sicht – manchmal schwer nur zu begreifenden Reden von nicht gerade Wittgensteinschem Willen zur Klarheit, wenn’s ans Reden kommt, entgegen halten möchte.

    Computer sind Maschinen.
    Selbstverständlich sind Computer Maschinen zu besonderem Zweck.
    Der Zweck von Computern ist Maschinisierung von Kopfarbeit.
    Gegenstände von Kopfarbeit sind nahezu beliebiger Art; oft aber sind sie bereits semiotischer Art.
    Resultate von Kopfarbeit werden in aller Regel, zumindest zunächst, semiotisch dargestellt, was heißt: Als Zeichen komplexer Art.

    Manche sagen deswegen, Computer seien semiotische Maschine. So wie andere Maschinen mechanisch genannt werden oder energetisch oder anders.

    Als semiotische Maschine werden Computer auf Zeichenprozesse angesetzt. Und ihr Operieren wird in Zeichen beschrieben und festgelegt („Software“).
    Computer können aber Zeichen NICHT bearbeiten, nur Signale. Denn ihnen fehlt die Fähigkeit der Interpretation.
    Rein formal jedoch können wir von Akten der Interpretation durch Computer sprechen. Wie gesagt: rein formal.
    Denn was bei uns als lebende (also sterbende) Wesen Interpretation ist, von Interesse und Willen geleitet im Horizont stets des Todes, erweist sich bei Computern als Akt der Determination.
    Determination ist der Grenzfall von Interpretation. Interpretation nämlich, die ein einziges Resultat hervorbringen, also bestimmen kann. Denn die Zeichen, die Computern angeboten werden, sind in streng regulierten Notationen vermerkt, die, da an Maschinen gerichtet, keine freie Interpretation erlauben.

    (Selbstverständlich können wir Zufälligkeiten einbauen, streng geregelte, weil berechenbare Zufälligkeiten. Für Künstlerisches ist das in Ordnung. Für Rentenberechnung, Strafzettel oder Atomkraftwerke aber vermutlich doch nicht.)

    Das Wesentliche an der Verwendung von Computern, am Denken über Computer („Digitalität“) sind die Algorithmen und Geflechte von Algorithmen. Längst sind die für uns undurchschaut, wohl gar für den Einzelnen undurchschaubar geworden. Das lässt manche erschauern.

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