CfP: „Digitale Literaturwissenschaft“

Im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft findet vom 9. bis 13. Oktober 2017 in der Villa Vigoni ein internationales literaturwissenschaftliches Symposion zum Thema „Digitale Literaturwissenschaft“ statt. Es folgt organisatorisch dem Muster der Germanistischen Symposien der DFG, wie sie seit den 1970er Jahren durchgeführt wurden. Die Konferenzsprachen sind Englisch und Deutsch, wobei alle Teilnehmer in der Lage sein sollten, Beiträge in beiden Sprachen zu lesen und der Diskussion in beiden Sprachen zu folgen.

Das internationale literaturwissenschaftliche DFG-Symposium findet unter Leitung der Kuratoren Prof. Dr. Fotis Jannidis (Universität Würzburg), Prof. Dr. Simone Winko (Universität Göttingen), Prof. Dr. Andrea Rapp (TU Darmstadt), Prof. Dr. Jan Christoph (Universität Hamburg), Dr. Thomas Stäcker (Herzog August Bibliothek Wolffenbüttel) statt.

Medienwandel, Digitalisierung und Vernetzung haben in den letzten Jahren eine Reihe von Herausforderungen an die Literaturwissenschaften gestellt, die jedoch zugleich Entwicklungschancen sind. Erstens hat sich ihr Gegenstand, also das System Literatur mit Produktion, Distribution und Rezeption, teilweise verändert: Neue Literaturformen, z.B. der literarische Hypertext, sind hinzugekommen; neue Medienformen sind aufgetaucht, von denen zur Zeit noch nicht klar ist, ob sie Teil der Literaturwissenschaft bleiben oder nicht, z.B. Textadventures. Die Produktionsweise von Literatur hat sich verändert, die meisten Texte entstehen heute mit digitalen Schreibgeräten, und die Nachlässe von Autoren haben entsprechend eine andere Form. Und nicht zuletzt haben die Instanzen der Literaturvermittlung wie die Verlage und der Vertrieb sowie die Rezeptionsweisen Veränderungen und Umschichtungen erfahren, auch durch den Erfolg von E-Books. Zweitens haben sich die Forschungsmethoden und Arbeitsweisen der Literaturwissenschaft durch die Digitalisierung und Vernetzung verändert. Das beginnt mit der Art und Weise, wie in der Editionsphilologie zuverlässige Texte als Arbeitsgrundlage erstellt werden, hat aber auch Bereiche wie die Textanalyse – etwa durch die Analyse von sehr großen Textsammlungen –, die Metrikanalyse und die Handschriftenkunde erreicht. Drittens haben sich die Schnittstellen der Literaturwissenschaft verändert. Etablierte Kooperationen, etwa mit den Bibliotheken und den Archiven, haben sich einschneidend gewandelt, neue Kooperationen, etwa mit den Digital Humanities, der Informatik, der Computerlinguistik oder mit Standardisierungsinstitutionen wie der Text Encoding Initiative, sind hinzugekommen. Außerdem haben sich durch diese Veränderungen auch neue ethische und juristische Fragekomplexe herausgebildet. Und nicht zuletzt sind auch die Lehre und die Wissenschaftskommunikation selbst davon betroffen.

Ziel des Symposiums ist es, die Veränderungen der Literaturwissenschaft auf diesen verschiedenen Ebenen systematisch zu diskutieren. Allerdings kann aufgrund der Komplexität der diversen Phänomene nicht erwartet werden, dass die Bereiche vollständig erschlossen werden. Vielmehr geht es darum, auf der Grundlage von exemplarischen Einzelstudien die spezifischen Probleme zu erschließen und daran stellvertretend einen Einblick in die Dynamik der Veränderungen zu gewinnen. Wünschenswert ist ein primär funktionaler Blick auf diesen Zusammenhang, der z.B. deutlich macht, dass für das analytische Arbeiten mit einem Text die Tätigkeiten „Lesen“ und „Suchen bestimmter Passagen“ aufgrund der neuen Medienbedingungen in unterschiedlichen Medien realisiert werden können; ein anderes Beispiel: der Zugriff des Lesenden auf den Text kann durch die physische Bewegung eines Objekt in die Lebenswelt des Lesers oder das Übertragen von Daten auf ein Lesegerät geschehen (und jede Lösung ermöglicht oder erschwert andere Anschlussoperationen).

Die folgende Aufteilung in Sektionen folgt nicht genau der eben skizzierten Unterteilung, da die Entwicklungen einen unterschiedlichen Stand haben und das auch die Reflexion über diese Entwicklungen betrifft.

I) Literatur unter digitalen Bedingungen (Simone Winko)

In dieser Sektion sollen die großen Umwälzungen, die das gesamte Literatursystem betreffen – von der Produktion, Rezeption und Vermittlung von Literatur bis zu ihren Erscheinungsformen – in Hinsicht auf ihre Auswirkungen für die Literaturwissenschaft behandelt werden. Bestandsaufnahmen und Beschreibungen des Wandels im Literatursystem sollen also nicht das Ziel der Beiträge sein, sondern als Ausgangspunkt dienen, um die Konsequenzen für literaturwissenschaftliche Fragestellungen, Verfahrensweisen und Begriffsbestimmungen, auch unter fachgeschichtlicher Perspektive, zu untersuchen.

Mögliche Themen sind u.a.:

  • Produktion von Literatur: Computer als Schreibwerkzeug, Digitale Nachlässe, Ko-Autorschaft im Netz, Crowdsourcing, Schreiben in online-Literaturforen, Fanfiction
  • Erscheinungsformen von Literatur: Text in Bewegung (literarische Hypertexte, Maschinenpoesie, textbasierte Computerspiele, interaktive E-Books), Text und soziale Interaktion (Literarische Blogs, Literarische Apps, Social Games), mediale Reflexionen des Digitalen (z.B. Ausstellen der Textualität und Materialität), Literatur im Medienverbund
  • Distribution und Rezeption von Literatur: neue Arten der Rezeption (E-Book-Lektüre, Leserkommunikation im Netz), Verlage und Vertrieb (Produktionsbedingungen und Vermarktungsstrategien, E-Books, Selbstverlage), Sprechen über Literatur (von der Feuilletonkritik bis zu Social Reading-Plattformen)
  • Theorie- und Begriffsbildung: Auswirkungen der Veränderungen im Gegenstandsbereich auf literaturwissenschaftliche Grundbegriffe wie ‚Literatur‘, ‚Gattung‘, ‚Text‘, und ‚Werk‘, narratologische Konzepte (z.B. Multimedia Storytelling), die Konzeption literarischer Akteure (Stichwort: Partizipationskultur)

II) Digitale Edition und Annotation (Andrea Rapp)

In dieser Sektion sollen Editionen, die sowohl Ergebnis als auch Grundlage und Ausgangspunkt wissenschaftlicher Forschung sind, sowohl im Hinblick auf den digitalen Produktionsprozess als auch auf die erweiterten Rezeptions- und Auswertungsmöglichkeiten digitaler Präsentationsformen behandelt werden. Der Schwerpunkt der Beiträge soll dabei auf der Analyse der Herausforderungen liegen, die sich ergeben, wenn philologisches Wissen in formalen Notationssystemen ausgedrückt wird.

Mögliche Themen sind u.a.:

  • Erstellung digitaler Editionen: Standards, darunter technische und editionsphilologische Standards (z. B. TEI/XML, EpiDoc, MEI usw.), Werkzeuge und Arbeitsumgebungen, Workflows, kollaborative Erstellung, social edition, Qualitätssicherung, editionsphilologische Reflexion
  • Formen digitaler Editionen: mediale Aspekte, z. B. medienadäquate Präsentationsformen, multifunktionale Editionen (z. B. unterschiedliche Sichten auf Texte, Integration in Sprachkorpora usw.), dynamische Editionen, multimodale und multimediale Formen, Einbindung von Faksimiles, Verhältnis Print-Digital
  • Annotation und Auswertung digitaler Editionen: Metadaten, Annotation von literaturwissenschaftlichen Phänomenen und weiteren Daten (z. B. Figuren, Redeanteile, Erzählperspektiven, Personen, Orte, Ereignisse), Aufbau von Test- und Trainingskorpora, Normdaten, Vernetzung von Editionen und weiteren Materialien wie Wörterbücher, Enzyklopädien, Biographien usw., Manuskriptanalyse und digitale Darstellung, Verhältnis von Original und Digitalisat, digitale Kodikologie und Paläographie, Layoutanalyse, Schreibererkennung, quantitative Kodikologie
  • Kontext digitaler Editionen: Wahrnehmung und wissenschaftliche Nutzung von digitalen kritischen Editionen, Auswirkungen auf Kanonisierungsprozesse,, Wechselwirkungen editionsphilologischer und literaturwissenschaftlicher Fragestellungen

Vielfältige Anknüpfungspunkte ergeben sich darüber hinaus zu den Themen der anderen Sektionen, wenn man beispielsweise an digitale Editionen und Korpora als Grundlage digitaler Analyseverfahren oder die Rolle von Bibliotheken, Archiven und Verlagen bei der Erstellung und Bewahrung digitaler Editionen denkt.

III) Textanalyse (Jan Christoph Meister)

In dieser Sektion sollen die konzeptionellen wie technologischen Rahmenbedingungen, Möglichkeiten und Grenzen digitaler Textanalyse unter besonderer Berücksichtigung der Anforderungen der hermeneutisch-historisch orientierten Literaturwissenschaften behandelt werden. Im Zentrum steht dabei die Frage, inwieweit im Kern qualitative, verstehensbezogene philologische Fragestellungen sinnvoll vermittelt und bearbeitet werden können mit digitalen Verfahren, die methodologisch gesehen ihrerseits sowohl eine quantifizierende Konzeptualisierung des Gegenstands “Text” resp. “Textkorpus” wie eine entsprechende Operationalisierung der hermeneutischen wie historischen Fragestellungen voraussetzen.

Mögliche Themen sind u.a.:

  • Stylometrie,
  • Topic Modeling, Inhaltsanalyse, named entity recognition
  • Figurennetzwerke, Figurenkonstellationen im Drama usw.
  • Metrikanalyse, Erzähltextanalyse (computational narratology)
  • distant reading-basierte Analysen großer Textkorpora
  • machine learning-basierte Ansätze zur automatischen Erkennung und Distributionsanalyse von auf Textebene non-literal (z.B. metaphorisch, allegorisch, symbolisch etc.) referenzierten Objekten und ideellen Entitäten

Diese und weitere mögliche Anwendungsbereiche der digitalen Textanalyse sollen dabei grundsätzlich immer im Abgleich mit den traditionell etablierten philologischen Arbeitsweisen thematisiert werden, um so einerseits den speziellen ‘Mehrwert’ von digitalen Ansätzen kritisch-reflektierend zu fassen, andererseits ihre methodologisch wie technologisch gegebenen Grenzen zu erkennen.

IV) Schnittstellen (Thomas Stäcker)

Eine Schnittstelle ist einerseits ein technisches Protokoll zur Nachrichtenübermittlung, andererseits bezeichnet sie im übertragenen Sinne die Übergangsstelle zwischen verschiedenen, in sich geschlossenen Systemen. Durch definierte Rahmenbedingungen bzw. Standards ermöglicht sie den Austausch von (Meta-)Daten, ist aber auch Voraussetzung für gemeinschaftliche über Einzelforschungsprojekte hinausreichende Arbeitsformen sowie die wissenschaftliche Ergebnissicherung durch geeignete Forschungsinfrastrukturen. Die Entwicklung dieser Schnittstellen in einem weiten Sinne und der Literaturwissenschaften kann als Koevolution verstanden werden, und die gegenseitige Bedingtheit soll Gegenstand der Beiträge dieser Sektion sein.

Mögliche Themen sind u.a.:

  • Standardbildung und Normdaten: Texte mit generischem Markup (insb. TEI) in Verbindung mit gängigen Normdaten wie GND oder TGN als Austauschformat und Grundlage digitalen Arbeitens
  • Anforderungen an Bibliotheken und Archive als institutionelle Forschungsinfrastrukturen und Partner einer digitalen Literaturwissenschaft (u.a. in der Langzeitverfügbarkeit, Beratung und Schulung, Bereitstellung von Werkzeugen, Publikation)
  • Digitale Quellen- und Volltextbereitstellung: Kriterien der Bild- und Textqualität für Editionen, der digitalen Sammlungsbildung oder Methoden der Digital Humanities
  • Quellen und Dokumente im Open Access: Entwicklung neuer wissenschaftlicher Publikationskulturen, -formen und – objekten, Research data life cycle in der Dokument- und Datenpublikation
  • Gemeinsames Arbeiten in virtuellen Forschungsräumen sowie Vernetzung literaturwissenschaftlicher Forschungsvorhaben im semantic web
  • Veränderung von Wissenschaftskommunikation und Lehre
  • Ethische und rechtliche Fragen: Popularisierung, Zugänge zu Dokumenten und Sammlungen, Nachnutzung und Zuschreibung von Texten

Zum Verfahren:

Das Symposion wird zugunsten eingehender Diskussionen von der Verlesung von Vorträgen freigehalten. Alle Beiträge werden den Teilnehmern vor der Tagung auf elektronischem Weg zugesandt. Zusammen mit Diskussionsberichten sollen die Beiträge gleich im Anschluss an das Symposion publiziert werden. Um die Veranstaltung arbeitsfähig zu halten, wird die Zahl der Beteiligten auf max. 35 begrenzt. Eine schriftliche, prinzipiell druckfertige Vorlage bildet die Voraussetzung für eine Teilnahme. Erwartet wird, dass die Teilnehmer an allen Tagen der Veranstaltung präsent sind und mitdiskutieren.

Interessierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des In- und Auslandes, insbesondere jüngere (in der Regel jedoch nicht schon Doktoranden) sind eingeladen, Prof. Dr. Fotis Jannidis spätestens bis zum 30. November 2016 ihre Bereitschaft zur Teilnahme und ihren Themenvorschlag mitzuteilen, ein kurzes Exposé beizufügen und eine Sektionszuordnung vorzuschlagen. Auf der Grundlage der Exposés werden die Veranstalter der DFG vorschlagen, wer zu diesem Symposion eingeladen werden soll.

Die endgültigen Druckfassungen der Vorlagen müssen die zuständigen Kuratoren spätestens bis zum 1. Mai 2017 erreicht haben. Der Höchstumfang einschließlich der Anmerkungen liegt bei 30 Seiten à 1800 Zeichen; kürzere Vorlagen sind willkommen.

Reisekosten (Fahrtkosten und Tagegelder) übernimmt die DFG nach den Bestimmungen des Bundesreisekostengesetzes, sofern sie nicht von der Heimatinstitution getragen werden.

Bewerbungen richten Sie bitte an: Prof. Dr. Fotis Jannidis

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