CfP: Stilistik und Stilometrie in der Romania

Call for Papers zum XXXV. Romanistentag in Zürich, 08.-12.10.2017, Sektion 7

Theorien von Autorschaft und Stil in Bewegung. Stilistik und Stilometrie in der Romania
Sektionsleitung: Nanette Rißler-Pipka (Siegen / Eichstätt)  Kontakt: rissler@romanistik.uni-siegen.de / nanette.rissler-pipka@ku.de

Zwischen dem Verdikt vom Tod des Autors (Barthes 1968) und der folgenden Re-definition des Autorbegriffs (Foucault, Genette, Eco, etc.) liegt die Notwendigkeit literaturgeschichtlicher
Klassifikation von Autoren, Stilen und Epochen auf der einen Seite und linguistischer Beschreibung von Sprachstilen auf der anderen Seite. Im Literatursystem hat sich die Bedeutung des „Autors“ zurecht in einem Geflecht von Produktionsbedingungen, Text, Leser, Performanz, Diskurs, Medien, Distribution und Rezeption relativiert. Erst in Folge der Digitalisierung von Texten, Büchern oder Artefakten sowie der Plagiatsdiskussion an Universitäten ist Autorschaft zumindest im Bereich des wissenschaftlichen Schreibens und digitalen Publizierens wieder ein Thema.

In der Romania haben Autorschaft und Stil sowohl historisch als auch aktuell eine besondere Bedeutung, die aber in der internationalen literaturtheoretischen Diskussion wenig beachtet wird (Jannidis et al. 1999). Zunächst haben sich Spitzer, Curtius und Auerbach ab den 1930er Jahren in einer literaturwissenschaftlich geprägten Stilistik vor allem mit dem Individualstil einzelner Autoren intensiv auseinandergesetzt und wurden damit international bekannt. Darauf folgte die nicht minder beachtete Dekonstruktion der Autorperson durch postmoderne Theorien vor allem französischer Provenienz, die solche Untersuchungen obsolet erscheinen ließen. Heute wird der Stil eines Autors im ganz anderen Kontext der Stilometrie diskutiert (Jockers 2013, Moretti 2010, Eder et al. 2013), die als mathematisch-algorithmische „Vermessung“ des Individualstils den Autor anhand seines Stiles unabhängig von seiner stilistischen Höhe identifizieren kann. Dieses kriminalistische Vorgehen aus der forensischen Linguistik hat zunächst scheinbar wenig mit literaturwissenschaftlichen Überlegungen zu Autorschaft und Stil zu tun. Doch zum einen ist die Verbindung zwischen einem kriminalistischen Spurenlesen und der Interpretation von Texten (inklusiver falscher Spuren) ein interdisziplinär viel diskutiertes Thema, wie zuletzt Sybille Krämer (u.a.) im Rückgriff auf Peirce betonte (Krämer 2007, 2016). Zum anderen wird Stilometrie im literaturwissenschaftlichen Kontext der Digital Humanities aktuell dazu genutzt, Autoren- und Epochenstile für eine Literaturgeschichtsschreibung abseits des Kanons zu klassifizieren oder auch zur Autorschaftsattribution (vgl. den Roman The Cukoo’s Calling, der Joane K. Rowling zugeschrieben werden konnte, Juola 2015).

Handelt es sich bei dieser von der Romanischen Philologie bisher wenig beachteten Richtung (außer Schöch 2014) um eine positivistische Re-kreation der Autorfigur zwecks Vervollständigung der Werkeinheit oder um die Chance, Autorschaft und Stil abseits der Frage nach Funktionalität im Literatursystem neu zu diskutieren? Haben Stilistik und Stilometrie überhaupt etwas miteinander zu tun? Verwenden beide Richtungen nicht einen grundverschiedenen Stilbegriff (vgl. Herrmann et al. 2015)?
Wenn Franco Moretti aus der Perspektive seines vielbeachteten Stanford Literary Lab behauptet, er repliziere Untersuchungen, für die Leo Spitzer Jahre brauchte, innerhalb von Sekunden (Moretti 2011, 2), dann verfälscht er die Stilistik Spitzers zugunsten der Provokation. Nicht nur Spitzer, auch Auerbachs Mimesis (1946) zieht Moretti heran, um einerseits die eigene Vorgehensweise zu stützen und um sich andererseits von den Traditionen abzugrenzen (Algee-Hewitt/ Heuser/ Moretti 2015, 5). Diese spannungsreiche Beziehung zwischen neuen digitalen Methoden und den romanischen Traditionen von Autorschaft und Stil gilt es, aus einer dezidiert romanistischen Perspektive auszuloten.

Es wird zur Einreichung von Beiträgen zu folgenden Themengebieten aufgerufen (dabei sind selbstverständlich auch Kombinationen verschiedener Bereiche möglich):

  1. Theoretische Diskussionen des Autor- und Stilbegriffs in Bezug auf aktuelle Debatten in der Romanistik und/oder allgemeinen Literaturwissenschaft.
  2. Exemplarische Untersuchungen zum Stil einzelner oder mehrerer romanischer Autoren mit Bezug zum Sektionsthema
  3. Wissenschaftshistorische Vergleiche und Überlegungen zur Stilistik und/ oder Stilometrie
  4. Stilistische und/ oder stilometrische Untersuchungen zu Gruppen von Texten oder Autoren der Romania
  5. Experimente zum sprachübergreifenden Stilvergleich innerhalb der romanischen Literaturen

Abstracts in der selbst gewählten Vortragssprache (deutsch, französisch, spanisch, englisch) werden bis spätestens 31.12.2016 an die Adresse der Sektionsleiterin erbeten.

 


Bibliographie
Algee-Hewitt, Mark / Heuser, Ryan / Moretti, Franco. „Pamphlet 10: On Paragraphs. Scale, Themes, and Narrative Form.“ In Standford Literary Lab, October 2015 http://litlab.stanford.edu/ (31.05.2016)

Eder, Maciej / Kestemont, Mark / Rybicki, Jan. “Stylometry with R: a suite of tools.” In Digital Humanities 2013: Conference Abstracts, University of Nebraska, Lincoln 2013, 487-89.

Herrmann, J. Berenike / van Dalen-Oskam, Karina / Schöch, Christof. “Revisiting Style, a Key Concept in Literary Studies.” In Literary Studies‘ in the Journal of Literary Theory, Band 9, Heft 1 (März 2015), 25-52.

Jannidis, Fotis. “Methoden der computergestützten Textanalyse.” In Methoden der literatur- und kulturwissenschaftlichen Textanalyse, hg. von Ansgar Nünning & Vera Nünning. Stuttgart & Weimar: Metzler, 2010, 109-32.

Jannidis, Fotis / Lauer, Gerhard / Martínez, Matías / Winko, Simone (Hg.). Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenen Begriffs. Tübingen: Niemeyer 1999.

Jockers, Matthew L. Macroanalysis. Digital Methods and Literary History. Champaign, IL: University of Illinois Press, 2013. Juola, Patrick. „The Rowling Case: A Proposed Standard Analytic Protocol for Authorship Questions.“ In Digital Scholarship in the Humanities, Vol. 30, Supplement 1 (2015), 100-113.

Krämer, Sybille. „The Humanities going digital?“ In Digitalität in den Geisteswissenschaften. DFGgeförderte Symposienreihe, Blog vom 24.05.2016 http://digitalitaetgeisteswissenschaften.de/the-humanities-going-digital (31.05.2016)

Krämer, Sybille / Kogge, Werner / Grube, Gernot (Hg.). Spur. Spurenlesen als Orientierungstechnik und Wissenskunst. Frankfurt a. M. Suhrkamp, 2007.

Moretti, Franco. „Pamphlet 2: Network Theory, Plot Analysis.“ In Standford Literary Lab, May 2011 http://litlab.stanford.edu/ (31.05.2016)

Rißler-Pipka, Nanette. „Avellaneda y los problemas de la identificación del autor. Propuestas para una investigación con nuevas herramientas digitales”. In Hanno Ehrlicher (Hg.). El otro Quijote. La continuación de Avellaneda y sus efectos. Mesa Redonda-Universität Augsburg 2016, 27-51.  https://opus.bibliothek.uniaugsburg.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/3704 (29.07.2016)

Schöch, Christof. „Corneille, Molière et les autres. Stilometrische Analysen zu Autorschaft und Gattungszugehörigkeit im französischen Theater der Klassik.“ In ders./ Lars Schneider (Hg.). Revolution der Medien, Evolution der Literaturwissenschaft, Beiheft 07/2014 zu PhiN (Philologie im Netz), 130-157 (http://web.fu-berlin.de/phin/beiheft7/b7i.htm (31.05.2016)).

Veröffentlicht in events Getagged mit: , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*