Die kulturelle Konstruktion von Unternehmensverantwortung

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Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Peter Walgenbach (Uni Jena), Projektgruppe „Kultursoziologische Analyse sozialer Artefakte“

In diesem Forschungsprojekt führen wir eine kulturvergleichende Studie zum Thema „Verantwortung von Unternehmen“ an Hand des öffentlichen Diskurses in drei Ländern (Deutschland, Großbritannien, USA) im Längsschnitt (1950-2015) unter Verwendung computerlinguistischer Methoden durch. Die Studie soll wichtige Beiträge für die Wirtschafts- und Organisationswissenschaften leisten.

Theoretisch schließt das Projekt an die Literatur zum soziologischen Neo-Institutionalismus und insbesondere die Literatur zur Weltkultur-These an. Die Vertreter dieser These argumentieren, dass sich seit dem zweiten Weltkrieg kulturelle Vorstellungen von Akteuren, ausgehend von den USA, über den gesamten Globus verbreiten und strukturell (z.B. abgelagert in regulativen Institutionen [Gesetze, Soft Law] oder Organisationsstrukturen) sowie ideell (z.B. Vorstellungen darüber, was unternehmerische Verantwortung ist) zu einer weltweiten kulturellen Angleichung (Isomorphie) führen. In der Tat existieren bereits zahlreiche Studien, in denen sich Hinweise auf strukturelle Isomorphie finden. Allerdings existiert im Neo-Institutionalismus auch die These, dass Strukturen von tatsächlichem Handeln entkoppelt werden können und damit rein zeremoniellen Charakter besitzen. Um zu klären, ob Strukturen entkoppelt sind oder handlungswirksam werden, bedarf es der Untersuchung von Isomorphie auf ideeller Basis, denn erst dadurch lässt sich erkennen, ob bestimmte Vorstellungen auch lokal kognitiv-kulturell und normativ verankert sind.

Unternehmensverantwortung wurde bislang primär mit Fokus auf den strukturellen Wandel regulativer Institutionen untersucht. Zur Untersuchung ideeller Isomorphie ist die Analyse von kultureller Bedeutung, wie sie u.a. in Sprache abgelagert ist, notwendig. Derartige Untersuchungen waren jedoch aufgrund technischer Limitationen bislang nur sehr eingeschränkt möglich und sind insofern kaum erfolgt. Somit besteht ein großer Forschungsbedarf zur Untersuchung isomorpher Prozesse auf ideeller Ebene.

Weiterhin schließt das Projekt an die Literatur zur Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen an. Bislang finden sich in dieser Literatur drei grob umreißbare Forschungsbereiche zur Verantwortung von Unternehmen. Zum einen wird das Phänomen der Unternehmensverantwortung aus einer institutionellen Perspektive betrachtet, wobei allerdings der Fokus auf dem Wandel regulativer Institutionen bzw. auf der Frage lag, ob Unternehmen bestimmte organisationsstrukturelle Elemente übernehmen und wie sie dies tun. Zum zweiten wird häufig eine ethisch-normative Perspektive eingenommen. In dieser Perspektive wird betrachtet, welche Verantwortung Unternehmen aus welchem Grund besitzen und wie sie dieser gerecht werden sollten. Zudem wurde aus einer ökonomisch-strategischen Perspektive versucht zu messen, welchen Beitrag die Übernahme von gesellschaftlicher Verantwortung zum Unternehmenserfolg leistet und von welchen Faktoren dieser beeinflusst wird. Diese Ansätze blenden folgende Aspekte aus: Zum Ersten wird die Verantwortung von Unternehmen weitgehend als unabhängig von (länderspezifischen) institutionellen Kontextfaktoren gefasst. Zum Zweiten wird der Entstehungsprozess von gesellschaftlichen Erwartungen hinsichtlich einer Übernahme von Verantwortung durch Unternehmen ausgeklammert und somit der Eindruck erweckt, dass das Verantwortungsverständnis zeitunabhängig und stabil sei.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass nur wenig systematisch und vor allem nicht empirisch untersucht wurde, was unter der Verantwortung von Unternehmen zu welcher Zeit in welchem Raum verstanden wurde bzw. wird. Zudem bleibt unklar, welcher Zusammenhang von Verantwortung und länderspezifischem (lokalem) Kontext besteht sowie ob, wie und warum sich das Verständnis der Verantwortung von Unternehmen über die Zeit verändert bzw. angleicht. Hierbei ist besonders die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen strukturellem Wandel regulativer Institutionen sowie dem ideellen Wandel in Form normativer und kognitiver-kultureller Vorstellungen bedeutsam. Folgende Forschungsfragen sollen innerhalb des Projektes adressiert werden:

  1. Internationaler Vergleich: Für welche Inhalte wird Unternehmen im Zeitverlauf Verantwortung in einzelnen Ländern (Deutschland, Großbritannien und USA) zugesprochen?
  2. Gesellschaftlicher Wandel: Verändert sich dieses Verantwortungsverständnis über die Zeit und worauf lässt sich diese Veränderung zurückführen?
  3. Komparativer Vergleich internationaler Entwicklungen: Persistieren kulturspezifische Besonderheiten oder gibt es in den untersuchten Ländern eine Konvergenz hinsichtlich des Verständnisses, wofür Unternehmen Verantwortung übernehmen sollen?
  4. Zusammenhang zwischen struktureller und ideeller Angleichung: Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem strukturellen Wandel regulativer Institutionen und dem ideellen Wandel auf normativer und kognitiv-kultureller Ebene?

In unserem Projekt bringen wir computerlinguistische Methoden zum Einsatz bringen, die es ermöglichen Textdaten des öffentlichen Diskurses über drei Länder und 65 Jahre zu analysieren und Wandel im Verantwortungsverständnis sichtbar zu machen. Computerlinguistische Methoden eröffnen die Möglichkeit, Textdaten großzahlig unter Berücksichtigung der linguistischen Funktion von Worten (z.B. Nutzung von Nomen als Subjekte oder Objekte) innerhalb von Sätzen zu analysieren. Damit ermöglichen sie die Optimierung der bereits vorhandenen Techniken zur Textanalyse, die bislang nur heuristisch auf Basis von vordefinierten Wörterbüchern und Wortspannen Informationen aus Texten extrahieren können. Weiterhin ermöglichen sie es, automatisiert den sprachlich sedimentierten Sinn in Textdaten zu ermitteln (z.B. die Semantik von Worten oder von in Texten eingebetteten Themen). Parallel zur computerlinguistischen Auswertung soll vor dem Hintergrund der Wirtschaftsgeschichten der drei Länder die bisherige Literatur zur Unternehmensverantwortung vor dem Hintergrund des Wandels regulativer Institutionen systematisch aufgearbeitet werden. Anschließend sollen beide Seiten der Analyse zusammengeführt und unsere Forschungsfragen umfassend beantwortet werden.

 

Projektgruppe (Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft):
Peter Walgenbach
Jan Goldenstein
Philipp Poschmann
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät
Lehrstuhl für ABWL/Organisation, Führung und Human Resource Management
Carl-Zeiss-Straße 3
07743 Jena

Web: www.orga.uni-jena.de
E-Mail: peter.walgenbach@uni-jena.de; jan.goldenstein@uni-jena.de; philipp.poschmann@uni-jena.de

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