Diskussionsraum digitaler Potentiale (2. Teil)

 

Abb.: Das neue Gesicht der ZfdG – Screenshot der Startseite auf www.zfdg.de , die 2016 gelauncht wird und den Open Beta-Status ablösen wird.

Abb.: Das neue Gesicht der ZfdG – Screenshot der Startseite auf www.zfdg.de , die 2016 gelauncht wird und den Open Beta-Status ablösen wird.

 

In unserem Interview spricht Frau Dr. Constanze Baum von der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel (HAB) über das E-Journal Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften, digitales Publizieren und Friedrich Schillers Gartengeschmack.

Das Gespräch führte Julia Menzel. Den 1. Teil des Interviews finden Sie hier.

4. Ich würde gerne Näheres zum konkreten Vorgehen der ZfdG erfahren. Gehen wir einmal schrittweise durch den Prozess, den Sie durchlaufen haben, um den Sonderband 1 (2015) zu produzieren. Womit haben Sie begonnen? Welche kritischen Punkte gab es zu überwinden oder von Beginn an zu vermeiden? Was hat Sie überrascht?

Überrascht und angespornt zugleich hat mich die Komplexität der täglichen Herausforderungen, die auf allen Ebenen immer neue Fragen entstehen lassen, wie man vielleicht schon meinen bisherigen Ausführungen entnehmen konnte. Ich greife nur ein Beispiel heraus: In den Digital Humanities haben wir stärker und vielleicht zwangsläufig mit kollaborativen transdisziplinär angelegten Forschungsbeiträgen zu tun als dies z.B. in germanistischen Fachdiskursen üblich ist. Dies stellt Herausforderungen an die redaktionelle Kommunikation im Prozess der Artikeleinreichung, der unterschiedlichen Zitierstile in den Fachkulturen und der Redigierung auf der einen Seite und veranlasst aber auf der anderen Seite auch zu einem Nachdenken über Fragen der Autorschaft: Wer ist der Hauptautor des Textes? Was bedeutet überhaupt Autorschaft im digitalen Raum? Wer trägt Anteil an einem Forschungsbeitrag und in welcher Funktion? Wir haben festgestellt, dass uns die Metadaten eines Artikels die Möglichkeit eröffnen, präzise Funktionen von Autorschaft zu unterscheiden und zwischen verschiedenen Rollen wie Textautoren, Programmierern, Übersetzern etc. zu differenzieren und diese entsprechend zu erfassen. Fragen der Publikation berühren damit also auch Inhalte von Fachdiskursen über Autorschaft, Textgenese und Rezeption und machen die Aufgabe einer Gründung damit auch zu einem spannenden Forschungsfeld.

Aber von vorn: Nachdem ich mit der Aufgabe der Gründung eines E-Journals für die digitalen Geisteswissenschaften im Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel betraut worden bin, habe ich ganz klassisch mit einer Evaluierung des besagten Feldes begonnen. Das bedeutete viel Zeit mit der Sichtung von digitalen Publikationsformaten zu verbringen, auch solchen, die nicht im Bereich der Geisteswissenschaften lagen. Parallel dazu habe ich die digitalen Agenden von Förderinstitutionen, Leit- und Richtlinien zum digitalen Publizieren und zum Open Access unter die Lupe genommen und natürlich etliche Gespräche mit Macherinnen und Machern anderer digitaler Journale geführt. Darauf aufbauend konnte ich ein umfangreiches Gesamtkonzept für die ZfdG erarbeiten, welches Ziele, Aufbau und Organisationsformen umfasst, den redaktionellen Workflow und die unterschiedlichen Szenarien der am Publikationsprozess beteiligten Agenten (Autoren, Redaktion, Gutachter, Leserschaft) berücksichtigt. Klar war mir von vornherein, dass wir für die Umsetzung dieses Konzepts eine Pilotphase brauchen, um die Szenarien quasi am ‚lebenden Objekt’ durchspielen zu können. Die Autorinnen und Autoren des ersten Sonderbands – alle ausgewiesene ExpertInnen im Bereich der Digital Humanities, auf deren Vorträge bei der Konferenz der DHd 2014 die Beiträge des ersten Sonderbands zurückgehen – haben sich auf dieses Experiment dankenswerterweise eingelassen. In der konkreten Umsetzung galt es zunächst eine geeignete Publikationssoftware zu identifizieren. Viele E-Journale arbeiten zurzeit mit dem System OJS (= Open Journal System), das eine gute Kompaktlösung für digitales Publizieren bietet, mir aber wenig geeignet schien, komplexe und innovative Arbeitsvorgänge z.B. im Bereich eines Open Review oder der Versionierung abzubilden bzw. zu erproben. In der ersten Phase habe ich unterschiedliche Systeme auf ihre Tauglichkeit für das Konzept getestet. Die Entscheidung fiel schließlich auf Drupal als einer modular angelegter Open Source Software, die nicht nur individuell an unsere Bedingungen anpassbar, sondern auch ausbaufähig für denkbare Erweiterungen ist, die wir in diesem Dezennium vielleicht noch nicht umsetzen werden. Des Weiteren mussten Skripte entwickelt werden, die Textvorlagen in eine XML-Datei umwandeln und diese wiederum in HTML, wir haben ein Metadatenschema konzipiert, Medienviewer eingebaut und DOI-Referenzierungen angelegt, die eine Langzeitarchivierung möglich machen, sprich: stufenweise und Artikel für Artikel wurde die gesamte Umgebung ‚gebaut’ und entwickelt, die wir künftig nutzen werden. Parallel dazu stand der klassische Redaktionsalltag auf dem Programm, das Redigieren der eingereichten Artikel und die Kommunikation mit den BeiträgerInnen. Schließlich sind wir im Februar 2015 mit einer Open Beta Version des Sonderbands online gegangen. Diese Entscheidung war nicht unumstritten, da wir einen Einblick in unsere Werkstatt gezeigt haben und auch mit einigen offenen Baustellen auftraten. Der Erfolg hat uns aber Recht gegeben: die Fachcommunity reagierte durchweg positiv und auf unseren ersten Call for Papers im August letzten Jahres erhielten wir eine unerwartet große Menge an qualifizierten Einreichungen, so dass wir in diesem Jahr mit einem interessanten Paket von Artikeln die nächste Ausbaustufe der ZfdG angehen können. Wir werden in den nächsten Monaten die Open Beta Version ersetzen und die ZfdG als Gesamtkonzept online vorstellen können.

 

5. Ich habe mich entschieden, Ihnen einen Beitrag anzubieten und reiche meinen Artikel bei der Zeitschrift für digitale
Geisteswissenschaften
ein. Und dann?

Einen Schritt zurück: Sie reichen zunächst ein kurzes Exposé ein. Dieses wird von einer mehrköpfigen Fachredaktion auf seine inhaltliche und formale Ausrichtung in Bezug auf die Profilierung unseres E-Journals hin diskutiert. Die Fachredaktion setzt sich aus DH-Experten unserer drei Verbundhäuser sowie Vertretern des DHd zusammen. In einem Zeitrahmen von 14 Tagen nach Initiation des Prozesses erfolgt eine (digital gesteuerte) Abstimmung darüber, ob der Beitrag für die ZfdG geeignet erscheint. Im Zeichen von Transparenz und Zusammenarbeit wird dem Autor zusammen mit der Zu- oder Absage eine detaillierte Zusammenfassung der Diskussion mitgegeben, durch die er auch ein Feedback erhält, was er produktiv in den Beitrag einfließen lassen kann, aber nicht muss. Liegt der Artikel fertig vor, durchläuft er eine redaktionelle Routine, die den Artikel auf sprachlich-formale Richtigkeit prüft und auf die Einhaltung guter wissenschaftlicher Praxis achtet. Ist eine finale Fassung schließlich autorisiert, wird der Artikel in das Format XML transformiert und entsprechend unserer Publikationsrichtlinien aufbereitet. Spätestens jetzt müssen sich die AutorInnen für die Form des Review-Verfahrens entscheiden. Auch hier möchten wir einen offenen, modular-optional angelegten Weg bestreiten. BeiträgerInnen sollen zwischen tradierten Blind-Verfahren und einem offenerem post-publication Review wählen können. Ein Ampelsystem wird helfen, diese Qualitätsprüfung auch für NutzerInnen transparenter zu machen. Alle Artikel sind Erstveröffentlichungen und werden in einen Artikelpool eingestellt. Artikel, die von Gutachtern positiv bewertet werden, können innerhalb einer bestimmten Laufzeit aufsteigen und Teil eines Heftes werden. Hefte werden also nicht thematisch zusammengestellt, sondern unter qualitativen und quantitativen Gesichtspunkten generiert. Thematische Schwerpunkte lassen sich unabhängig von Heften und Sonderbänden über den Artikelpool herstellen, letztlich kann sich der Leser auch selbst durch Filteroptionen in der Suche entsprechende Themen zusammenstellen. Daneben wird die Reihe der Sonderbände fortgeführt, die je Band eigene Herausgeber haben soll.

 

6. Nach den Erfahrungen, die Sie mit Ihrem Open Access-Journal gewinnen: Gibt es für Sie ein ideales Publikationsszenario in den
Geisteswissenschaften, das zukünftig verfolgt werden sollte?

Geisteswissenschaftliche Erkenntnisse sollten meines Erachtens leicht zugänglich sein, und das Internet bietet hierfür die besten Voraussetzungen. Der direkte Weg vom Online-Katalog zum Online-Volltext – vor allem was die wissenschaftlichen Texte anbelangt – scheint mir sinnvoll und entspricht den Arbeitsökonomien, die den Wissenschaftsalltag mehr und mehr prägen. Historische Quelltexte werden deshalb in ihrer Physis nicht an Attraktivität verlieren und Bibliotheken werden auch künftig als Ort und Archiv bestehen.

Digitale Publikationen sollten aber auch einer nachvollziehbaren Qualitätskontrolle unterstellt werden, und es besteht meines Erachtens weiterhin eine redaktionelle Sorgfaltspflicht. Das sind geübte und erlernte Mechanismen der Publikationskultur. Die ZfdG bietet im Bereich digitalen Publizierens einen Weg an. Sie will das Feld möglicher Publikationsszenarien ohne Ausrichtung auf einen gewinnorientierten Wertschöpfungsprozess bereichern. Natürlich haben wir auch Kosten, diese können aber durch die staatliche Förderung und vorhandene Infrastrukturen abgedeckt werden. Wissenschaftsverlage haben, das ist hinlänglich bekannt, über Jahrzehnte mit enormen Gewinnmargen operiert und  sich zugleich als Marken im Reputationsgeschäft etabliert. GeisteswissenschaftlerInnen – ich möchte mich hier gar nicht ausnehmen – haben meines Erachtens viel zu lange Anteil an ihrer eigenen Ausbeutung im Publikationsprozess gehabt. Eine wissenschaftliche Leistung sollte dem Wissenschaftler oder der Wissenschaftlerin nicht zum Verhängnis werden, der oder die sie erbracht hat. Bezahlmodelle, bei denen horrende APCs oder Druckkostenzuschüsse von Verlagen eingefordert werden, die dann zusätzlich Kapital aus den Pflichteinkäufen der Bibliotheken schlagen, sollten durchbrochen oder zumindest stärker hinterfragt werden. Auch die Urheberrechte, Erst- und Zweitveröffentlichungsrechte und Lizenzfragen wurden zu lange undiskutiert in die Hände der Verlage gelegt.

Im Rahmen dieser Debatten wäre eine Aufwertung digitaler OA-Publikationen im Reputationswesen unbedingt sinnvoll. Wir bemühen uns, hierzu einen Beitrag zu leisten. Insgesamt erscheint es mir aber wünschenswert, dass die Publikationslandschaft reich und vielfältig bleibt. Für mich persönlich ist der freie Zugriff auf Publikationen und Quellen für den wissenschaftlichen Bereich maßgeblich für den Aufbau von neuen Expertenkulturen in einem global vernetzten Zeitalter. Länderübergreifende Forschungsprojekte, auch mit ressourcenarmen Teilnehmern, können so an einem gemeinsamen kulturellen Erbe antizipieren und dieses vielleicht auch mehr in die Breite hinein wirken.

 

7. Dann würden Sie mir als ‚wissenschaftlichem Nachwuchs‘ zur Online-Publikation raten?

Ich kann nur dazu auffordern, es aus den genannten Gründen auszuprobieren, wenn sich die Gelegenheit bietet. Ich persönlich plädiere für einen Mittelweg im Sinne Schillers. Dieser schreibt im Gartenkalender auf das Jahr 1795 über seine Idee vom deutschen Garten: „Es wird sich alsdann wahrscheinlicher Weise ein ganz guter Mittelweg zwischen der Steifigkeit des französischen Gartengeschmacks und der gesetzlosen Freiheit des so genannten englischen finden“. Lässt sich das nicht ein wenig auf die immer wieder aufgeworfene Dichotomie von Print- und Digital-Publikationen übertragen? Ich mag die Vorstellung vom Mittelweg als ausgleichendem Moment jedenfalls und würde als Liebhaberin von Gärten sowohl in französischen wie englischen Anlagen flanieren, ebenso wie ich als Wissenschaftlerin digital und analog veröffentliche.

 

Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften (ZfdG)
Herausgegeben vom Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel in Zusammenarbeit mit dem DHd
Leitende Redakteurin: Dr. Constanze Baum (Constanze.Baum@mww-forschung.de)
URL: www.zfdg.de (Open Beta): Sonderband 1 (2015)
Relaunch: Mai/Juni 2016

 

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