Konzepte des Digitalen // Teil 2

Faust-Edition

 

Anne Bohnenkamp-Renken ergänzte am Samstagmorgen die Diskussion mit der Vorstellung der digitalen Faust-Edition. Die Hybrid-Edition sei als doppeltes Forschungsprojekt zu begreifen, das Werkzeuge und Verfahren für diese und anhand dieser speziellen Edition entwickelt habe, die jedoch auch für weitere Editionsprojekte fruchtbar gemacht werden können. Der damit angesprochene Aspekt der Nachhaltigkeit bildete einen Schwerpunkt in den heutigen Gesprächen. So wurde u.a. die Notwendigkeit der Konzeptualisierung von digitalen Projekten im Hinblick auf ihre Systemunabhängigkeit deutlich gemacht. Nötig seien etwa digitale Objekte, die von der Organisation unabhängig gemacht werden könnten. Dabei wurden die unterschiedlichen Zeitdimensionen deutlich, die mit dem Begriff der Nachhaltigkeit verbunden werden können. Sprechen wir hier von einer Sicherung über ein paar Jahrzehnte oder meinen wir Etappen der Menschheitsgeschichte, wenn der Ruf nach Nachhaltigkeit laut wird?

Dem schlossen sich wissenschaftspolitische Überlegungen zum Legitimationsdruck, dem Langfristprojekte häufig ausgeliefert seien, an. So führe das Dispositiv der Beschleunigung und Betriebsförmigkeit aus der Perspektive vieler Forschungsförderer oftmals zur Favorisierung von hohen Summen in kurzer Zeit statt zur Gewährung eher kleinerer Summen über einen langen Zeitraum. Wie aber wirke sich das auf eine „Hochrisikoforschung“ aus, bei der Projekte naturgemäß erst einmal ausprobieren müssten, was sich wie bewähre?

Auch die von der Faust-Edition umgesetzte gemeinsame Entwicklungspraxis, die sich laut Bohnenkamp-Renken als permanentes Gespräch zwischen Informatikern und Philologen gestaltet habe, wurde vielfach aufgegriffen. Wie muss sich die Arbeit in gemischten Teams idealerweiser gestalten? Geht es um die vollständige Gleichberechtigung der Disziplinen oder muss es nicht mindestens zwei Varianten geben, die das Spektrum zwischen der Entwicklung von Innovationen auf beiden Seiten und der Adaption bereits bestehender Techniken im Sinne einer Dienstleistung anerkennen? Wie kann eine gelungene Förderpraxis das entsprechend abbilden?

Fragen der Begriffsbildung standen ebenfalls auf der Agenda:
Sei Big Data nicht eigentlich eine Spielart der Statistik?
Ist „Digitalität“ die Theorie zur Praxis der „Digitalisierung“?
Wer kümmert sich um derlei Begriffsbildung und Reflektion? Die Medienwissenschaften als „diskursives Dialogfeld“? Jede Fachdisziplin für sich? Oder letztlich etwa niemand?

Müssen an die neuen Gegenstände zwangsläufig neue Fragestellungen herangetragen werden oder darf auch das „Liegengebliebene“ mit digitalen Methoden betrachtet werden? Schleppen wir alte Fragestellungen in neue Daten ein?
Wie hoch ist die Gefahr der Banalisierung bei Projekten, die sehr detaillierte Daten erheben, deren Theoriebildung dagegen aber deutlich abfällt und so einen Beschreibungstypus aus-bildet, der blinde Flecken lässt? Welcher Voraussetzungen und Forschungsdesigns bedarf es, dass aus Datenerhebungen neue Erkenntnisformen emergieren?

Über 9 Konzeptpapiere aus den Bereichen Informatik (Wolfgang Coy, Manfred Thaller), Medienwissenschaft (Jens Schröter), Philosophie (Herbert Hrachovec), Kulturwissenschaft (Karin Harrasser, Bernhard Siegert), Mediävistik (Stefan Müller), Geschichtswissenschaft (Gudrun Gersmann) und Wissenschaftsgeschichte (Eberhard Knobloch) diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums heute und befassten sich neben den genannten Aspekten u.a. auch weiter mit Fragen der Materialität und Kontextualisierung, der Surrogatsdebatte, die Digitalisierungsprojekten vorwerfe, den Zugang zum Objekt durch den Zugang zu einem Surrogat zu ersetzen sowie der Informatik als „Erledigungswissenschaft“.

Mit kollaborativen Schreibprojekten, der Standorterkämpfung des wissenschaftlichen Nachwuchses via Social Media und der Debatte um Open Access wurden zudem heute erstmals Bereiche näher in den Blick genommen, die sich mit dem Wandel der Publikationsstrukturen, einer veränderten Wissenschaftskommunikation sowie mit den sich verändernden Reputationskulturen befassen.

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Ein Kommentar zu “Konzepte des Digitalen // Teil 2
  1. Frieder Nake sagt:

    Es gab auf diesen Folien am oberen Rand der Projektion ein schönes Band mit drei bis vielleicht fünf Zeilen Text, in denen je eine Besonderheit dieser grandiosen Edition des Faust-Werkes in allen (oder vielen) Facetten angesprochen wurde. Anregend, gut und fein.

    Auf eine stilistische Kleinigkeit aber möchte ich jene KollegInnen hinweisen, die jene kurzen Texte verfasst und veröffentlicht hatten (wir sehen sie hier allerdings nicht, nur den einen, falls ich richtig geschaut habe). Sie haben, wie bei der Verwendung von Software zur Textbearbeitung bei sehr vielen, den meisten, jedenfalls diesen AutorInnen üblich, Blocksatz eingestellt. Etwas, auf das sie, aus der Welt des Buches kommend, stolz sind. Das sollten sie nicht tun. Denn der Umbruch jener Textpassagen wird beliebig hässlich (sehen Sie das nicht?). Wenn bei Blocksatz keine Silbentrennung durchgeführt wird, erzwingt er die hässlichsten Löcher im umbrochenen Text. Kein Setzer in vor-digitaler Zeit hätte so etwas seinen Arbeitsplatz zu verlassen erlaubt. Unseren digital so euphorischen Menschen aber steht nun eine Technik zu Gebote, mit der sie sich nahezu bewusstlos (das ist absichtlich gewaltig übertrieben gesagt) stilistischen Müll gestatten, weil sie nicht wissen, dass seit den Zeiten von Futura niemand so etwas machen würde.

    Wenn eine Technik verfügbar wird, führt das stets erst einmal zu Verlust an Stil und Schönheit.

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