Germanistische Mediävistik und Digital Humanities?

Grafik: Silvan Wagner

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Ein Beitrag von PD Dr. Silvan Wagner (Bayreuth)

Die Digital Humanities sind der nächste Evolutionsschritt der Hermeneutik; was herkömmliche Textinterpretation nur unzulänglich zu leisten wusste, wird erst jetzt erst adäquat leistbar; mit den Digital Humanities werden die gewaltigen und zunehmend wachsenden Textmengen der Literaturwissenschaften umfassend und abschließend bearbeitbar; was bestenfalls hermeneutische Ahnung war, wird nun zu digitaler Gewissheit.

Ich muss zugeben, dass dieses mitunter nur leicht überzeichnete wissenschaftspolitische Werbebild enorm unattraktiv für mich war und – in manchen Ausformungen des Fachs – noch ist. In seinem digitalen Dualismus erschienen mir die Digital Humanities – ohne dass ich mich näher mit dem Phänomen beschäftigt hätte – großspurig wie ein Kleinkind, das den Code Gut/Böse entdeckt hat und damit die Welt zu erklären meint.

Aus diesem Grund bin ich auch aus allen Wolken gefallen, als mir glaubhaft versichert wurde, dass mein neues Forschungsprojekt „Mapping Artus“ ein DH-Projekt sei. Die Grundidee des Projektes ist es, den mittelalterlichen Artusroman (beginnend mit dem Erec Hartmanns von Aue) zu kartographieren, allerdings nicht im geographischen Sinne mit dem Meter als Grundmaß, sondern mit dem Einzelvers als grundsätzliche Einheit. Auf diese Weise soll nicht nur der Zusammenhang von Raum und (Erzähl-)Zeit die Kartographierung fundieren, sondern es soll damit auch möglich werden, ganz unterschiedliche Raumarten der jüngeren und jüngsten Raumforschung auf dieselbe Matrix abzubilden, direkt zu vergleichen und Synergieeffekte ausbilden zu lassen. Erste Versuche dieser Art der Kartographierung stellte ich mit einer Word-Tabelle an, und da es galt, jeden einzelnen Vers zu interpretieren und diversen Raumarten zuzuordnen – darüber hinaus auch unterschiedliche Perspektiven der Figuren auf den erzählten Raum anschaulich zu machen – erschien mir dieses Vorgehen auch nicht zu langsam oder umständlich.

Grafik: Silvan Wagner

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Als ich mich auf den Weg machte, eine Förderung für das Projekt zu suchen, wurde mir mit aller Vehemenz klar gemacht, dass „Mapping Artus“ ein DH-Projekt sei und dass ich außerhalb dieser methodischen Ausformung keine Chance auf Förderung hätte. Ich empfand das als extreme Form der Gängelung: Warum nur den Erec? Die DH geben die Möglichkeit zu Big Data, also doch am besten gleich die gesamte Literatur des Mittelalters. Warum Vers für Vers selbst mühsam durchgehen und räumlich interpretieren? Die DH stellen Bots zur Verfügung, die man nur mit entsprechenden Suchworten füttern muss. Warum in der Darstellung beim Vers als Grundmaß bleiben? Die DH stellt mannigfaltige hübsche Visualisierungsstrategien für literarisches Mapping zur Verfügung – und Vers als Grundmaß, was ist das überhaupt für ein Raumbegriff?

Innerhalb von einem Tag diverser Beratungsgespräche war aus meinem kleinen, innovativen, geliebten Projekt zur Raumrepräsentation nach dem spatial turn im close-reading-Verfahren ein most-distant-reading-Datenmonster geworden, das nach einer langweiligen Programmierungsphase selbständig laufen würde, das die ältesten Irrwege der mediävistischen Raumforschung in größerem Maßstab wiederholen würde und – vor allem – das ich hassen würde: Die Erstellung von lemmagestützten Reisewegen der Helden mittelalterlicher Literatur auf geographischen Landkarten widerspricht nicht nur so ziemlich Allem, was innerhalb der letzten 20 Jahre in der mediävistischen Raumforschung passiert ist, sondern es ist auch so ziemlich das Letzte, was mich interessiert. Mein Projektansatz war in sein direktes Gegenteil verkehrt, und dies auf Basis einer impliziten Begründung, die paradoxerweise die Förderung Neuer Forschung zur Förderung Alter Forschung macht: Das macht man eben so, und wenn du willst, dass dein Projekt gefördert wird, dann musst du es auch so machen.

Leider brauche ich, wie alle „Nachwuchswissenschaftler“, Geld und Reputation durch Drittmittelprojekte, um meine Existenz zu sichern; deswegen war ich bereit, mit dem gefühlten Teufel zu tanzen und zu suchen, ob ich nicht doch positive Anschlussmöglichkeiten fände. Meine erste nähere Beschäftigung mit DH erfolgte durch die Lektüre des literaturwissenschaftlichen Klassikers, Franco Moretti. Sie bestätigte zunächst alle Befürchtungen: Mitunter mäßig interessante Ergebnisse verkauft Moretti als die Geburt der Literaturwissenschaften 2.0 aus dem Urschleim blinder hermeneutischer Ahnung, und die Perspektive des allsehenden laplace’schen Dämons auf möglichst alles, was geschrieben wurde, hatte für mich denselben ästhetischen Reiz wie die Bemühungen des Androiden Datas aus „Raumschiff Enterprise – Next Generation“ Musik zu erleben, indem er diverse Symphonien, Streichquartette und Opern gleichzeitig hört, weil er das kann.

Die Suche nach einem Kooperationspartner, den ich eigentlich gar nicht wollte, machte mich sicherlich etwas kratzbürstig; umso dankbarer bin ich Julia Menzel, die mich überaus verständnisvoll und hilfsbereit beriet und den Kontakt zu Prof. Andrea Rapp in Darmstadt herstellte. Beide eröffneten mir einen anderen Zugang zu den Digital Humanities, der mir sehr sympathisch ist: Die Nutzung des Computers als Mittel zur Lösung hermeneutischer Forschungsfragen, nicht als deren Diktator; die enge Vernetzung von Hermeneutik und DH inclusive der Grundüberzeugung, dass die Trennung zwischen beiden Bereichen letztlich eine künstliche ist (denn welcher Geisteswissenschaftler arbeitet heute komplett ohne Computerunterstützung?); der Einsatz von DH auch jenseits von Big Data; und schließlich ganz grundsätzlich das Interesse an qualitativer Forschung anstelle einer Huldigung quantitativer Datengräber.

Um es kurz zu machen: Die Zusammenarbeit mit Prof. Andrea Rapp entpuppte sich als äußerst glückliche und fruchtbare Weiterentwicklung meines kleinen Projekts, das – falls es mit dem Förderantrag etwas wird – unser nicht mehr ganz so kleines Projekt werden könnte.

Freilich bleibt bei mir ein Misstrauen, oder nennen wir es nun besser: eine erhöhte Aufmerksamkeit in Bezug auf die Eigenheiten der DH: Werden in der Operationalisierung komplexer Phänomene für ein digitales Entweder/Oder Ergebnisse zugunsten ihrer Darstellbarkeit nicht verfälscht? Werden im Zuge dieser Reduktion Strukturen nicht erst erzeugt? Verdrängen die vielfältigen Möglichkeiten einer digitalen Verarbeitung des einmal erzeugten Datenmaterials nicht irgendwann die Frage nach ihrem Sinn? Doch ich weiß, dass diese Fragen in Darmstadt willkommen sind: Statt zugunsten eines einfachen Vorgehens und schneller Ergebnisse eliminiert zu werden, können sie zu spannenden Aufgaben werden, die es gemeinsam zu lösen gilt. In dieser auch selbstkritischen und qualitativ interessierten Form sind die Digital Humanities für mich zu einem wertvollen Partner geworden – nicht trotz, sondern wegen meiner anfänglichen Reserviertheit.

 

Der Autor ist Privatdozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Ältere Deutsche Philologie an der Universität Bayreuth.

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