Rhythm detector: A digital tool to identify free verse prosody

Gastbeitrag von PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek

Mindestens 80% der modernen und postmodernen Gedichte haben weder einen Reim noch ein festes Metrum wie etwa den Jambus oder Trochäus. Aber heißt dies, dass sie von rhythmischen Strukturen gänzlich frei sind? Die US-amerikanische Theorie der freien Versprosodie behauptet das Gegenteil: Moderne Dichter wie Whitman, die Imagisten, die Beatpoeten oder die heutigen Slam-Poeten hätten die klassischen metrischen Versformen durch eine neue Prosodie ersetzt, die von Prosarhythmen, Alltagssprache oder Musikstilen wie Jazz oder HipHop geprägt ist. Unser Projekt will diese Theorie auf der Grundlage einer digitalen Musteranalyse überprüfen.

Zu diesem Zweck untersuchen wir vier der bedeutendsten Internetseiten für eingelesene Gedichte deutscher und amerikanischer Lyriker. In Anlehnung an die sehr effektive Prosodieerkennung aktueller Sprachtechnologien wird unser Projekt einschlägige Methoden wie phrase break prediction, prosodische Phrasierung, spoken document Analyse und Disfluenzmodellierung zur digitalen Analyse rhythmischer Muster verwenden. In einem ersten Schritt wird das philologische Teilprojekt durch den Abgleich von textueller und stimmlicher Prosodie spezifische rhythmische Muster bestimmen. Das digitale Teilprojekt entwickelt daraus eine digitale Muster(wieder-)erkennung auf der Grundlage maschinellen Lernens.

Unser Ziel ist die Entwicklung einer Methode und einer Software zur digitalen Prosodieerkennung und formalen Korpusanalyse eigenrhythmischer Gedichte. Traditionelle Verslehren verwendeten metrische Muster wie etwa den Pentameter oder den Hexameter zur Identifikation literarischer Genres wie der Elegie oder literaturgeschichtlicher Einflüsse wie dem der griechischen Lyrik auf die deutsche Lyrik des 18. Jahrhunderts. Ebenso wird unsere Analyse rhythmischer Muster es künftig ermöglichen, poetische Formen eigenrhythmischer Lyrik oder den literarischen Einfluss der US-amerikanischen free verse prosody auf die deutschsprachige Lyrik der (Post-)Moderne präzise zu erfassen. Langfristig soll unser interdisziplinär entwickeltes Tool auf lyrikline.org platziert werden, um so für die universitäre Lehre und Forschung nachhaltig nutzbar zu sein.

Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.rhythmicalizer.net
Ein Paper der Projektgruppe finden Sie hier: Large-scale Analysis of Spoken Free-verse Poetry (Baumann/Meyer-Sickendiek)

Kontakt:
Timo Baumann
Department of Informatics
Universität Hamburg
baumann@informatik.uni-hamburg.de

Burkhard Meyer-Sickendiek
Department of Literary Studies
Freie Universität Berlin
bumesi@zedat.fu-berlin.de

 

 

 
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