Rhythmicalizer. Ein digitales Werkzeug zur Klassifikation von Hörgedichten

Gastbeitrag von PD Dr. Burkhard Meyer-Sickendiek (FU Berlin), Dr. Hussein Hussein (FU Berlin) und Dr. Timo Baumann (Carnegie Mellon University Pittsburgh)

Unser Projekt wird vom Januar 2017 bis zum April 2020 von der Volkswagenstiftung gefördert. Insgesamt gingen im Rahmen der Ausschreibung „Interaktion qualitativ-hermeneutischer Verfahren und Digital Humanities: ‚Mixed Methods‘ in den Geisteswissenschaften?“ 101 Anträge bei der VolkswagenStiftung ein, neun Projekte wurden bewilligt. Ziel der Ausschreibung war es, Möglichkeiten auszuloten, wie neue Verfahren der Digital Humanities mit den bisherigen, im weitesten Sinne „qualitativ-hermeneutischen“ Ansätzen kombiniert werden können. Wir gehen dabei von der folgenden Fragestellung aus:

Mindestens 80% der modernen und postmodernen Gedichte haben weder einen Reim noch ein festes Metrum wie etwa den Jambus oder Trochäus. Aber heißt dies, dass sie von rhythmischen Strukturen gänzlich frei sind? Die US-amerikanische Theorie der freien Versprosodie behauptet das Gegenteil: Moderne Dichter wie Whitman, die Imagisten, die Beatpoeten oder die heutigen Slam-Poeten hätten die klassischen metrischen Versformen durch eine neue Prosodie ersetzt, die von Prosarhythmen, Alltagssprache oder Musikstilen wie Jazz oder HipHop geprägt ist. Unser Projekt will diese Theorie auf der Grundlage einer digitalen Musteranalyse überprüfen. Zu diesem Zweck untersuchen wir das wichtigste Internetportal für internationale Hörgedichte: das Berliner Portal lyrikline.org.

In Anlehnung an die sehr effektive Prosodieerkennung aktueller Sprachtechnologien verwenden wir einschlägige Methoden wie prosodische Phrasierung, spoken document Analyse und Disfluenzmodellierung zur digitalen Analyse rhythmischer Muster jenseits der metrischen Klassiker (Jambus, Trochäus). Diese Muster bestimmen wir zunächst manuell, und überführen sie dann in eine digitale Mustererkennung auf der Grundlage maschinellen bzw. tiefen Lernens. Dazu haben wir eine Methode (bzw. langfristig eine Software) zur digitalen Prosodieerkennung und formalen Korpusanalyse eigenrhythmischer Gedichte entwickelt, welche auf der Kombination mehrerer Standarttools wie Part-Of-Speech-Taggern, Text-to-Speech-Toolkits, Wavesurfern, Speech-Recognition Toolkits, das TOBI-Toolset für die Extraktion der phrasal tones, pitch accents and breaks, sowie den Rhythmus-Erkenner Sonic Visualizer zur Extraktion von lokaler Sprechgeschwindigkeit.

Unser Ziel ist die Entwicklung einer Methode und einer Software zur digitalen Prosodieerkennung und formalen Korpusanalyse (post-)moderner Hörgedichte. Traditionelle Verslehren verwendeten metrische Muster wie etwa den Pentameter oder den Hexameter zur Identifikation literarischer Genres wie der Elegie oder literaturgeschichtlicher Einflüsse wie dem der griechischen Lyrik auf die deutsche Lyrik des 18. Jahrhunderts. Ebenso wird unsere Analyse rhythmischer Muster es künftig ermöglichen, poetische Formen eigenrhythmischer Lyrik oder den literarischen Einfluss der US-amerikanischen free verse prosody auf die deutschsprachige Lyrik der (Post-)Moderne präzise zu erfassen. In den nächsten Jahren sollen die Forschungsergebnisse unseres interdisziplinär entwickelten Toolsets auf lyrikline.org platziert werden, um so für die universitäre Lehre und Forschung nachhaltig nutzbar zu sein.

Siehe auch:

http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/rhythmicalizer/index.html

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