Konzepte des Digitalen // Teil 1

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Nach einem gelungenen Auftakt durch Frieder Nakes Vortrag am Vorabend begann der heutige Tag mit einem großen Rätsel. Was macht literarische Qualität aus? Wie erkennen Leserinnen und Leser „Literary Quality“? Was wird als gute Literatur identifiziert?
Karina van Dalen-Oskam stellte das Projekt „The Riddle of Literary Quality“ vor und machte deutlich, auf welch unterschiedlichen Ebenen die Verwendung rechnergestützter Methoden die Geisteswissenschaften verändert und welche Kontroversen der Themenkomplex „Digitalität und Digitalisierung“ auszulösen vermag. Die sich an die kurze Projektvorstellung anschließende Diskussion warf direkt Kernfragen in den Raum. Ist das noch Teil ‚meiner‘ Disziplin (hier konkret: Ist das noch Literaturwissenschaft?)? Übernimmt der PC nun die Funktion des Forschers? Inwiefern verändern digitale Methoden den Begriff der Objektivität? Zielen die Geisteswissenschaften damit auf ein methodisches Ideal der Naturwissenschaften? Was sind dann überhaupt Geisteswissenschaften? Das Fallbeispiel setzte damit bereits am Morgen Akzente, die den Tag über weiter diskutiert wurden.

Insgesamt 9 Konzeptpapiere aus den Bereichen Altertumswissenschaften/Archäologie (Ortwin Dally), Filmwissenschaft (Vinzenz Hediger), Kunstgeschichte (Margarethe Pratschke), Philosophie (Petra Gehring), Soziologie (Elena Esposito), Informatik (Martin Warnke), Provenienzforschung (Lynn Rother), Germanistische Linguistik (Mechthild Habermann)  und Computerphilologie (Fotis Jannidis) reflektierten den Status quo des Digitalen in den einzelnen Fachbereichen. Zusammengefasst und kritisch kommentiert durch die Respondenten sowie anschließend im Plenum diskutiert, arbeiteten die Papiere Chancen, Herausforderungen, Veränderungen, Probleme und offene Fragen digitaler Enwicklungen in den Geisteswissenschaften heraus.

So wurde mehrfach auf das veränderte Erkenntnisinteresse als Folgeerscheinung der Anwendung computergestützter Methoden hingewiesen. In vielen Fällen mangele es aber an Reflektion über das Erkenntnispotential digitaler Methoden. In welchem Verhältnis stehen digitale und traditionelle Methoden zueinander? Müssen sich digitale Methoden am Status quo messen lassen oder genügt es, dass mit ihrer Hilfe neue Gegenstände behandelt und längst abgelegt geglaubte Themen wieder aufgerollt werden können? Lösen die digitalen Methoden dann die alten Methoden ab oder treten sie neben sie? Handelt es sich um eine „Invasion“ digitaler Methoden in die hermeneutisch arbeitenden Geisteswissenschaften oder kann es ein „fröhliches Miteinander“ geben?

Auch die eher traditionellen Reputations- und Anerkennungsmechanismen, die trotz zahlreicher Initiativen und Projekte weiterhin das Primat der Monographie verfolgen würden, waren Thema in den Diskussionen. Die ebenfalls auffällige Lücke zwischen innovativer Forschung und der noch ausbleibenden Widerspiegelung dieser Ergebnisse in der universitären Ausbildung führte zu der Frage: Wie können Curricula auf die innovativen Forschungsansätze reagieren?

Betont wurden auch immer wieder die unterschiedlichen Dimensionen von Digitalität und Digitalisierung, digitalisierten geisteswissenschaftlichen Disziplinen und digitalen geisteswissenschaftlichen Disziplinen und das Bestreben nach einer Theoretisierung, die Begriffe, Inhalte und Chance klären könne. Dabei müsse der Unterschied zwischen Informationen und Daten sowie zwischen institutioneller und epistemologischer Ebene mitgedacht werden. Allerdings sei ein Effekt des Digitalen auch, die immer unschärfer werdende Grenze zwischen Forschung und dem Um- bzw. Vorfeld von Forschung.

Weitere Aspekte der Diskussion waren u.a.
– die Auswirkungen der Digitalität auf die Begriffsgeschichte der einzelnen Disziplinen,
– das veränderte Verhältnis zwischen sogenannten Hilfs- und Hauptwissenschaften sowie
– Langzeitarchivierung und Nachhaltigkeit.

Diese Fragen begleiten uns sicherlich auch morgen, wenn wir am 3. Tag des Symposiums weitere Konzepte des Digitalen diskutieren und gemeinsam überlegen, was die Digitalität mit den geisteswissenschaftlichen Disziplinen anstellt … und vice versa.

 

 

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu “Konzepte des Digitalen // Teil 1
  1. Julia Menzel sagt:

    Übrigens: Ein ausführlicher Tagungsbericht folgt in Kürze und erscheint an dieser Stelle sowie auf L.I.S.A., dem Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung.

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