Von der Selbstverständigung digitaler Kulturen

Seit Herbst 2013 entsteht am Digital Cultures Research Lab (DCRL) der Leuphana Universität Lüneburg die Research-Interview-Series „DCRL Questions – What are digital cultures?“. Sie versammelt mittlerweile über 100 Interviews mit WissenschaftlerInnen aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Verhandelt werden die Fragen: Was sind digitale Kulturen, was sind deren Chancen bzw. Gefahren und was liegt jenseits von ihnen. Julia Menzel sprach mit Prof. Dr. Martina Leeker über das Interview-Projekt.

1. Frau Leeker, worum handelt es sich bei der Research-Interview-Series „DCRL Questions – What are digital cultures?“

Bei den „DCRL-Questions“ handelt es sich um ein Forschungsprojekt zu digitalen Kulturen in Form von kurzen Interviews zu diesen (http://www.leuphana.de/en/research-centers/cdc/digital-cultures-research-lab/projects/dcrl-questions.html). Ziel ist es, mit Hilfe der kurzen Filme den Stand der Forschung zu digitalen Kulturen zu erheben, um so ein Arbeitsmaterial für weitere Untersuchungen zur Verfügung zu stellen.  Dies zu ermöglichen, ist das Setting der Interviews neutral gehalten (Vgl.: http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/interviews-digital-cultures/). Das heißt, die Interviews finden im gleichen schmucklosen Aufbau statt und es werden die gleichen Fragen gestellt. Auf diese Weise soll eine Vergleichbarkeit der in den Interviews getroffenen Aussagen und Ansätze für eine systematische Erforschung hergestellt werden.

Wir sehen die Interview-Serie zudem als einen Beitrag zu den Digital Humanities an, d. h. zur geisteswissenschaftlichen Forschung in digitalen Kulturen, die gleichsam technologisch aufgerüstet ist, da sie mit den Möglichkeiten zeitgenössischer Technologien, sogenannter Tools, durchgeführt wird. Dabei ist immer auch zu berücksichtigen, dass diese Konstitution als Bedingung der Forschung und ihrer Ergebnisse zu gelten hat. Das heißt, sie bestimmt, was geforscht und erkannt wird und sollte ob dieser Potentialität sichtbar gemacht werden.

Die Interview-Serie gehört zur Kategorie audio-visueller Gegenstände in den Digital Humanities, wie z. B. Mitschnitte von Lectures und Konferenzen. Es steht in Frage, mit welchen Methoden diese neuen Gegenstände ausgewertet werden können. Im Projekt Experiments&Interventions werden in unserer eigenen Arbeit Methoden zur Forschung mit und zu den Interviews erprobt, die sich vor allem aus einer geisteswissenschaftlichen Forschung mit filmischen Mitteln ergeben.

Wir haben unterschiedliche Interventionen (http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/interventions-digital-cultures/) und Experimente (http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/experimente-interviews-digital-cultures/) vorgenommen, um mit den Interviews zu forschen und zugleich die Medialität dieser Unternehmung zu reflektieren und anschaulich zu machen. So wurde z. B. die Bedeutung von Gender und Race in der Forschung anhand eines experimentellen Umgangs mit Stimmen erkundet (http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/interventions-digital-cultures/who-speaks/). Des weiteren nutzen wir das Format des Split Screen, d. h. des Zusammenfügens von mehreren Interviews auf einem Bildschirm,  (Vgl.: http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/interventions-digital-cultures/simulation-Split Screen/; http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/experimente-interviews-digital-cultures/split-screen-mat-int/) oder die Ästhetik der Montage (http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/experimente-interviews-digital-cultures/techno-spiele/), um die Interviews auszuwerten und zugleich in ihrer medialen Produktivität zu reflektieren.

Im Vergleich zu einer schriftlich verfassten Analyse entstehen mit dieser Art geisteswissenschaftlicher Forschung andere Formen des Erwerbs von Wissen sowie von Wissen. So hat z. B. ein Videoessay (Oona Braaker, Technosphärische Spiele zu Mark B. Hansen“: http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/experimente-interviews-digital-cultures/techno-spiele/) mit den Interviews die Aufgabe, Forschungsergebnisse und Erkenntnis durch die widersprüchliche Montage von Bild und Ton erst zu erzeugen, statt sie darzulegen. Auf diese Weise wird Wissen zum einen zu einer Potentialität, denn es ist unsicher, ob und wie es sich einstellt. Zum anderen erscheint Wissen im Gewand von Vielheit, Unbestimmtheit und Unabgeschlossenheit, da auf Grund der ästhetischen Präsentation immer mehrere Sichtweisen möglich sind. An der Methode Screen zeigt sich zudem, dass Wissen mit dieser Verfahrensweise in den Modus eines selbstbezüglichen Re-Designs gelangt. Denn die Montagen gefallen sich in der immer neuen Zusammenstellung des Materials. Somit tendieren die Erzeugung von Wissen sowie Forschung mit dem Korpus dazu, sich selbst zu genügen und zu perpetuieren.

Selbstbezüglichkeit und Perpetuierung zeigen sich auch bei der Produktion. So schauen manche Interviewpartner_innen in der Vorbereitung Interviews anderer Kolleg_innen an und starten mit der Idee, dass sie etwas sagen möchten, was noch nicht ausgeführt wurde, oder sie schließen explizit an vorherige Aussagen an.

Das heißt, die Interviews dokumentieren nicht nur den Stand der Forschung zu digitalen Kulturen. Sie generieren diesen vielmehr erst und erzeugen dabei ausgehend von ihrer Konstitution als eigener Bezugsrahmen mit interner Vernetzung zugleich eine Epistemologie von Wissen und geisteswissenschaftlicher Forschung in digitalen Kulturen. Diese Epistemologie zeigt insofern Analogien zu der von Systems Engineering seit den 1960er Jahren oder von Infrastrukturen heutzutage, als auch in diesen technologischen Weltbezügen Wissen aus den Operationen, Vergleichen und Intra-Aktionen der Systeme und Netzstrukturen entsteht. Eine Epistemologie der Möglichkeiten, Szenarien sowie der Modulation und Simulation von Alternativen entsteht und tritt an die Stelle von Theoriebildung und den Bezug auf verbindliches Wissen oder Wirklichkeit. Wenn Forschen und Erkennen zum einen nicht unabhängig von den Technologien existieren, mit denen sie geschehen, und sie zum anderen einen epistemologischen Impakt generieren, sollte eine Selbstreflexion des eigenen Tuns und Wirkens vor allem in den Geisteswissenschaften integraler Bestandteil sein.

 

2. Aus welcher Idee heraus, vor welchem Hintergrund ist die Interview-Serie entstanden?

Wir haben die Interview-Serie im Herbst 2013 mit der Gründung des Digital Cultures Research Lab (DCRL) gestartet. Initiatorinnen sind Martina Leeker und Irina Kaldrack. Derzeit arbeitet ein Team von Studierenden mit uns an der Produktion und Postproduktion: Oona Braaker, Jonas Keller, Christina Lindner, Anton Moosleitner, Nicole Smith, Tobias Schulze.

Ausgangpunkt war die Idee, dass der Schwerpunkt der Leuphana Universität zu digitalen Kulturen abgebildet und zugleich fruchtbar gemacht werden sollte. Dieser Schwerpunkt manifestiert sich im inter- und transdisziplinären Centre for Digital Cultures (CDC) (http://www.leuphana.de/en/research-centers/cdc.html), in dem unterschiedliche, durch  Drittmittelprojekte  finanzierte Labs und Zentren sowie universitäre Einrichtungen zusammengefügt sind. Die Idee war nun zum einen, die Expertise der Fellows und Gäste des CDC aufzugreifen und damit die Leuphana als Umschlagplatz der Forschung zu digitalen Kulturen kenntlich zu machen. Zum anderen sollten die Mitarbeiter_innen der einzelnen Projekte zu Wort kommen und die Struktur des CDC veranschaulicht werden.

 

3. Um welche Kernfragen geht es?

In den Interviews werden vier Fragen behandelt, die je in 1 – 2 Minuten beantwortet werden sollen.  Es startet mit der Frage, was digitale Kulturen sind, geht weiter mit der Erkundung von deren Potenzialen bzw. Gefahren. Schließlich fragen wir nach dem „Jenseits“ digitaler Kulturen. Diese Frage lässt zwei Weisen des Verstehens und Kommentierens zu. Ein Teil der Interviewten bezieht das „Jenseits“ auf die Zukunft und spekuliert, was nach digitalen Kulturen kommen könnte. Der andere Teil versteht die Frage als eine nach dem, was nicht von digitalen Kulturen erfasst werden kann.

Zu den vier Kernfragen kommt eine für die Fellows und Mitarbeiter_innen des MECS, Kolleg-Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zum Thema „Medienkulturen der Computersimulation“, zur Bedeutung von Simulation hinzu.

Die Fragen sind absichtlich provokativ und herausfordernd. Sie sind viel zu allgemein gefasst und zu umfänglich, als dass man sie in aller Tiefe in der Kürze der Zeit behandeln könnte. Die Fragen unterliegen einem strategischen Kalkül. Es geht darum, dass die Kürze der Zeit für die Beantwortung sowie die Allgemeinheit als Beschränkung erscheinen und Widerstand auslösen. So kommt nicht selten als Antwort auf die erste Frage, dass es die digitalen Kulturen nicht gäbe. Aus dieser Position heraus schrieben sich die Interviewten dann in die Fragen mit dem eigenen Ansatz ein, eignen sie sich an. Oder die Fragen werden kritisiert, woraus sich dann gleichsam unter den Hand Hinweise auf den Ansatz der Interviewten einstellen. Wird etwa nach Gefahren und Potenzialen gefragt, so kann dies gleichsam naiv erscheinen, da vermutet werden kann, dass eine anthropologische A-Technizität vorausgesetzt würde, der der Mensch durch digitale Technik entfremdet würde. Diese Vermutung verweist auf die Verortung des Interviews z. B. in einem medienepistemologisch oder technikhistorisch orientierten, medienwissenschaftlichen Ansatz.

Die Allgemeinheit und Unspezifizität der Fragen hat mithin äußerst positive Effekte. Es geht zum einen um den Vorteil, dass sie keinen Forschungsansatz vorgeben, sondern vielmehr offen sind für die Projektionen der Interviewten. Zum anderen führt diese Offenheit mit Zusammenspiel mit der Limitierung der Zeit dazu, dass die Interviewten sehr pointiert, gleichsam holzschnittartig auf die Fragen antworten. Dies hilft dabei, einen Überblick zum Stand der Forschung zu digitalen Kulturen zu erzeugen.

 

4. Warum sind gerade Interviews geeignet?

Interviews sowie ihre mediale Erscheinungsweise als Film/Video sind für die geisteswissenschaftliche Forschung in und zu digitalen Kulturen aus vier Gründen geeignet.

Es geht zunächst erstens um den Faktor Zeit. In schnelllebigen und unter Innovationsdruck und Wandelbarkeit stehenden digitalen Kulturen ermöglichen es uns die Interviews, relativ schnell zu handeln und zu Forschungsergebnissen zu kommen. Hintergrund ist, dass z. B. viele Kolleg_innen aus dem akademischen Bereich sehr beschäftigt sind mit Verwaltung, Lehre und Drittmittelakquise, so dass für das Schreiben von Texten wenig Zeit bleibt, die man dann vor allem für eigene Projekte nutzen muss. Die Interview-Serie ist also ein Format, um unter diesen Bedingungen die Herstellung eines Forschungsgegenstandes zu ermöglichen. Für die interviewten Kolleg_innen bedarf es eines überschaubaren Zeitaufwands, ein Interview vorzubereiten und zu geben. Auch die Postproduktion kann recht zeitnah erfolgen, da wir mit einem Standard bezogen auf den Aufbau des Drehortes sowie die Postproduktion (z. B. Bauchbinde, Intro und Outro) arbeiten.

Der Zeitfaktor spielt auch bei der Rezeption der Interviews eine Rolle. Sie können mit recht geringem Zeitaufwand angeschaut und ausgewertet oder z. B. über das Internet verteilt werden.

Sobald es allerdings um eine tiefergehende Erforschung geht, wird der Zeitaufwand im Vergleich zur Arbeit mit Texten intensiviert. Dieser Umstand hat zwei Seiten. Es wird erstens deutlich, dass der relativ geringe Aufwand bei der Produktion und die daraus resultierende Explosion der Quantität der Gegenstände zu einem Faktor von Innovation werden könnte. Derzeit (März 2017) liegen 110 Interviews vor und je mehr Interviews hinzukommen, desto schwieriger wird deren Auswertung. Das heißt, ganz im Sinne der Digital Humanities bedürfte es eines digitalen Tools, um den audio-visuellen Korpus nachhaltig zu erschließen. Sinnvoll wäre etwa ein Tool, das z. B. gesteuert durch Keywords auf der akustischen Ebene das Material automatisch durchsuchen kann und es zugleich möglich macht, die Videos zu annotieren, mit Texten und Markierungen zu versehen. Zweitens ist der Widerstand des Gegenstandes gegen seine Erforschung interessant. Denn diese Sperrigkeit kann genutzt werden, um Grenzen und Möglichkeiten der Digital Humanities, etwa im Hinblick auf Datenmengen, zu reflektieren.

Das heißt, die filmischen Interviews generieren eine andere Zeit des Forschens als z. B. Texte. Und zugleich reiben sich die Interviews an der eigenen Geschwindigkeit und Menge. Sie beginnen zwischen Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit zu changieren.

Zweitens ist das Format der gefilmten Interviews von Interesse, weil sie Aspekte wissenschaftlicher Forschung hervorheben und beobachtbar machen, auf die z. B. die Performance Studies hingewiesen haben und die in wissenschaftliche Texten nicht in gleicher Weise zum Tragen kommen können. Dazu gehören z. B. die Stimme, Licht und Farben, Körperlichkeit, Gestualität oder Räumlichkeit (Vgl. ein Experiment mit Räumen: http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/interventions-digital-cultures/you-have-never/). Mit diesen Faktoren treten z. B. Affekte, Begehren, Atmosphären sowie die Situiertheit von Forschung in den Fokus.

Interviews eignen sich drittens in besonderer Weise für die Erforschung digitaler Kulturen, weil sie – wie bereits skizziert – ob der Reduktion auf Fragen, die in geringer Zeit beantwortet werden müssen, eine Zuspitzung sowie eine Vergleichbarkeit der Ansätze herstellen. Auf diese Weise kommen schnell die Kernpunkte zur Sprache, die in weiterer Forschung vertieft werden können. Diese Methode der Generierung von Forschungsgegenständen sowie von Forschung ist für digitale Kulturen von Wert, weil sie sich derzeit neu formiert und in dieser Recherche- und Konstitutionsphase schnelle und durchaus auch vorläufige und flexible Orientierungen und Untersuchungen hilfreich sind.

Schließlich haben die Interview-Filme viertens den Vorteil, dass sie in besonderer Weise Experimente zur Frage befördern, wie Forschung in und zu digitalen Kulturen ob der entscheidenden Rolle, die die eingesetzten Tools für deren Ergebnisse spielt, dauerhaft mit Methoden und Formaten der Selbstreflexion versehen werden könnte. Filme bieten für diese Recherche, wie bereits dargelegt, eine Vielfalt an Möglichkeiten. Von besonderem Interesse ist dabei, dass durch Montagen bei den Rezipierenden ein Erkenntnisprozess in Gang gesetzt und nicht „nur“ wissenschaftliche Reflexion argumentativ dargelegt wird. Auf diese Weise werden die Interviews sowie die Ästhetik ihrer experimentellen Erforschung zu einem epistemologischen Apparat, der eine Reflexion geisteswissenschaftlicher Forschung in digitalen Kulturen erzeugt und einübt und als deren unhintergehbaren Bestandteil implementiert.

 

5. Wie sind die Interviews konzipiert? Wer wird interviewt und wie kommt diese Auswahl zustande?

Aufgabe der Interviews ist es, die Forschung zu digitalen Kulturen über Disziplinen hinweg zu ermöglichen. Das heißt, verschiedene Disziplinen oder Berufsgruppen und innerhalb dieses Rahmens verschiedene Forschungsinteressen und Schwerpunkte kommen zu Wort. Es wird also bei der Auswahl darauf geachtet, dass eine entsprechende Bandbreite erzeugt wird. Wir haben Interviews mit Wissenschaftler_innen geführt, die u. a.  aus den Bereichen Kultur- und Medienwissenschaft, Soziologie, Kunstwissenschaft, Informatik, Anthropologie, Ethnografie und der Organisationswissenschaft kommen, sowie mit Künstler_innen und Aktivist_innen.

Diese Fokussierung auf die trans-disziplinäre Bandbreite entspricht einem Aspekt des Lüneburger Ansatzes zur Erforschung digitaler Kulturen. Sie fällt nicht mehr allein in das Hoheitsgebiet der Medienwissenschaft. Vielmehr ist ob der Durchdringung aller Lebensbereiche mit digitalen Technologien und deren Weltbildender Kraft eine medienwissenschaftlich informierte Kulturwissenschaft forschungsleitend. Die Interviews sollen exemplarisch versuchen, Bestandteile sowie Leistungsfähigkeit und Reichweite einer solchen Kulturwissenschaft zu erkunden.

Ein nächster Schritt sind Interviews, in denen Vertreter_innen verschiedener Disziplinen zusammen sprechen, um zu ermitteln, wie in letzteren digitale Kulturen erforscht werden und wie sie sich dabei gegebenenfalls verändern. Es gilt weiterhin zu fragen, ob sich ein transdisziplinärer Raum etabliert, in dem die Disziplinen gemeinsam Fragestellungen und Methoden entwickeln und zu welchen Ergebnissen dies im Vergleich zu disziplinärer Frischung führt.

Wichtig ist uns zudem, dass unterschiedliche Generationen und Positionen innerhalb der akademischen Hierarchie eingefangen werden. Das heißt, wir interviewen Doktorand_innen ebenso wie Senior-Researcher und Professor_innen. Dieser Querschnitt ist uns wichtig, da davon auszugehen ist, dass sich mit der Erforschung digitaler Kulturen, die mit der Infragestellung ihrer Methoden sowie der Verabschiedung der Monopolstellung der Medienwissenschaft einhergeht, auch ein Generationswechsel vollzieht. Vor diesem Hintergrund treten in der Interview-Serie die Sichtweisen älterer Kolleg_innen, die als Begründer_innen der Medienwissenschaft gelten können, mit denen jüngerer Forscher_innen in einen imaginären Austausch. Für letztere ist die Überlegung, dass Medien die Lage bestimmen, zum allgemeingültigen Status Quo geworden und ob dieser Grundlegung können sie gegebenenfalls den Austausch oder auch den Mix von Disziplinen in einer unvorbelasteten Weise über konkrete Fragestellungen oder Fallbeispiele angehen.

Zugleich unterliegt die Auswahl einer gewissen Kontingenz. Sie hängen z. B. die Interviews mit Fellows auch davon ab, wer nach Lüneburg kommt. Es geht gleichsam um eine Art Ortsspezifizität der Forschung. Ein Konzept für die Interview-Serie, das vorsieht, eine Kartografie der Forschung zu digitalen Kulturen herzustellen, indem gezielt und gleichverteilt Stimmen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen sowie mit Kolleg_innen unterschiedlicher Hautfarbe oder disziplinärer Provenienz vorgenommen werden, war unter diese Bedingungen bisher nicht realisierbar.

Vor diesem Hintergrund reflektiert die Interview-Serie auch einen Zustand aktueller Forschung in über Drittmittel finanzierten Labs. Sie können anders als universitäre Institute schneller agieren und ob der Mittel und Aufgabenstellungen zu einer Internationalisierungen von Forschung und Lehre sowie von akademischen Institutionen beitragen. Dieses Präsentische und diese Akutheit werden systematischer Forschung zur Seite gestellt. Die Serie ist mithin ob der Kontingenz der Auswahl auch ein Forschungsprojekt über die Forschung zu digitalen Kulturen an einem bestimmten Ort und unter bestimmten Bedingungen, mithin eine Forschung zu drittmittelgeförderten Forschung in den Biotopen von Lab-Verbünden.

Wir haben jüngst eine Ausweitung der Standorte vorgenommen. So entstanden Interviews mit Kolleg_innen der Medienwissenschaft und des Designs von der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK). Weitere Kooperationen sind denkbar und überaus erwünscht.

In einigen Fällen durchbrechen wir das strenge Prinzip, dass an einem Ort das immer gleiche Setting der Interviews aufgebaut wird. So entstanden die so genannten „Interviews on the flight“. Zum einen werden Interviews z. B. bei Konferenzen oder Meetings in Lüneburg gemacht, die je einen eigenen Hintergrund haben. Dessen Wirkungen gilt es dann zu analysieren (Vgl. beispielhaft: http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/experimente-interviews-digital-cultures/lausche-hintergrund/). Jüngst entstanden Interviews während einer Konferenz in Hangzhou/China, die mit dem Handy aufgenommen wurden.

Ziel dieses Formates „On the flight“ ist es, noch flexibler interessante Kolleg_innen in die Serie integrieren zu können. Dies ist allerdings erst dann möglich geworden, als das Projekt auf Grund des fixen Settings einen stabilen Rahmen und ein wiedererkennbares Image hatte. Mit dem neuen Format wird die Reichweite der Interview-Serie erhöht und es kann möglich werden, sich z. B. dem Konzept der Kartographie anzunähern.

Es lässt sich zusammenfassen. Die Interviews sind quasi-repräsentativ bezogen auf Altersgruppen und Disziplinen und zugleich singulär und lokal. Sie kommen zustande durch die Präsenz von Menschen vor Ort sowie eine „Kultur der Zufälligkeit “, die sich u. a. aus der Mobilität akademischen Arbeitens in digitalen Kulturen ergibt (ermöglicht durch, u. a.: Erreichbarkeit via Internet, Fellow-Kultur in Drittmittelprojekten). Zugleich werden sie global, wenn sie von uns oder z. B. von interviewten Kolleg_innen über das Internet verteilt werden. Der Umstand, dass die Interviews sich auch aus Kontingenz bestimmen, hat einen maßgeblichen epistemischen Impakt. Sie zeigt, dass Forschung  je in Abhängigkeit von Orten, Auswahl und Rahmenbedingungen steht und deshalb immer auch anders sein könnte. Zugleich kommt es zu einer Stabilisierung von Wissen und Deutungshoheit, da sich durch die Kontinuität der Arbeit an der Interview-Serie sowie ihre Distribution über das Internet eine Institutionalisierung des Projekts einstellt. Aus der partiellen Kontingenz des Korpus wird ein Prinzip des Wissens, das seine Konstruiertheit nicht verbergen kann.

 

6. Sie forschen zu digitalen Kulturen. Gibt es so etwas überhaupt – eine klar umreißbare „digitale“ Kultur? Wie kann sich ein solches Phänomen
erschließen lassen?

Ich möchte aus zwei Perspektiven auf diese Fragen antworten.

Erstens spreche ich aus der Sicht des Projektes. Aus dieser zeichnet sich keine klar umreißbare digitale Kultur ab. Vielmehr gibt es gleichsam so viele digitale Kulturen, wie es Interviews gibt, oder anders: Digitale Kulturen sind ubiquitär und dennoch zugleich vielschichtig, vage und flüchtig. Es ist äußerst faszinierend, wie viele unterschiedliche Ansätze, Facetten und Forschungsinteressen zusammen kommen.

Zugleich lassen sich aus dem Material Gruppierungen herausschälen. Wir haben versucht, diese exemplarisch im Projekt „Konstellierungen“ (http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/konstellierungen-digital-cultures/)   herauszuarbeiten. Ordnungsmuster sind etwa: Disziplinäre Einordnungen (http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/konstellierungen-digital-cultures/herkunft-methode-einsichten/), ähnliche Ansätze und Schulen (Bernard Stiegler, Yuk Hui: http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/konstellierungen-digital-cultures/muessen-werden/), ungewohnte Sichtweisen (http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/konstellierungen-digital-cultures/digitale-kulturen-petrischalen/), Bezugnahme auf die Fragen (http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/konstellierungen-digital-cultures/kunst-in-frage-stellens/), thematische Koinzidenz wie etwa „Vernetzung“ (http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/experiment-elle-forschung/konstellierungen-digital-cultures/digitale-kulturen-vernetzung/).

Es lässt sich zudem aus einigen Interviews ein Modell digitaler Kulturen herausarbeiten. Ein Beispiel dafür ist ein Split-Screen-Projekt (https://vimeo.com/162544366). Hier werden zum einen die Ubiquität sowie das Umwelt-Werden digitaler Kulturen und zum anderen komplexe und unausgesetzte Wechselspiele zwischen Medien und Kultur zu deren entscheidendem Merkmal erklärt: Digitale Kulturen sind selbstverständlich und überall; durchdringen alle Lebensbereiche; begründen eine globale Ökonomie und stehen schließlich für eine Faszination am Re-Design von Lebenswelten.

In der Gesamtheit der Interviews werden allerdings totalisierende Analysen und Diagnosen unterlaufen und auf Fallbeispiele, Themen (Vgl. zu Themen und Ansätzen das Spiltscreen-Projekt: https://vimeo.com/170939136), Vielheit, Suchbewegungen sowie Mut zur Vorläufigkeit gesetzt. Die Interviews bilden in ihrer Heterogenität eine ästhetische Form, die diese Forschung anregen und unterstützen möchte.

Zweitens möchte ich aus der Perspektive meiner eigenen Forschung auf Ihre Frage antworten. Ich gehe nicht davon aus, dass es digitale Kulturen gibt, sondern sie vielmehr derzeit gerade intensiv diskursiv erzeugt werden (Vgl. dazu das Split Screen-Projekt zur Gegenüberstellung aktueller Diskurse: https://vimeo.com/170939975). Es scheint eine Phase des Umschwungs zu bestehen, die sich in verschiedenen, teils miteinander konkurrierenden, oder sich ausschließenden Ansätzen manifestiert. Damit taucht in meiner Forschung die Frage auf, wie Reflexion und Kritik in dieser Situation aussehen könnten. Die aktuellen Theorien sowie die Umstände, auf die sie rekurrieren, sind nämlich so divers, dass kein einheitliches Bild als Bezugsrahmen für Kritik zustande kommt. Diese Lage kann selbst produktiv gemacht werden. Gerade Vielfalt, Multiplizität und Widersprüchlichkeit sind besonders wertvoll, um nicht durch dominante Lehr- und Forschungsmeinungen einseitiges Denken zu schulen. Vielmehr können Vielheit und Offenheit aus der Forschung zu digitalen Kulturen genutzt werden, um der Seite, in der die technologischen Verfahrensweisen digitaler Kulturen sich abschotten, auf Fake News oder auf Blendungen und Verzauberungen von Nutzer_innen setzen, mit einem eigensinnigen und widerständigen Denken entgegenzutreten.

Das Gespräch führte Julia Menzel.

Weitere Informationen unter:
http://www.leuphana.de/en/research-centers/cdc/digital-cultures-research-lab.html
http://www.leuphana.de/en/research-centers/cdc/digital-cultures-research-lab/projects/dcrl-questions.html
http://projects.digital-cultures.net/dcrl-experiments-interventions/

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