Zeitgemäßes Lernen und Lehren

Shrimp

 

Ein Gespräch mit Projektleiter Dr. Sebastian Herrmann über das digitale Lernmedium „Shrimp“

Social Hypertext Reader & Interactive Mapping Platform – kurz SHRIMP – ist der Titel eines Lehr-Lern-Experiments, das im Wintersemester 2015/16 am Institut für Amerikanistik der Universität Leipzig begonnen wurde: Das Lehrmaterial eines Seminars wird als Social Hypertext umgesetzt und über eine digitale Online-Platform in das Lehrangebot integriert.

Die Plattform will ein zeitgemäßes Medium sein, das einen individuellen, kreativen Leseprozess ermöglicht und gemeinschaftliches Lernen fördert. Es soll die Hochschullehre besonders in den Geisteswissenschaften bereichern.

1. SHRIMP wird von Ihnen und Ihrem Team als „Lehr-Lern-Experiment“ bezeichnet. Was genau muss man sich darunter vorstellen? Warum muss es SHRIMP geben?

SHRIMP ist ein Lehr-Lern-Experiment, weil sich beide ‘Seiten’ auf etwas Neues einlassen: die Studierenden müssen sich von der linearen Form lösen, in der sie normalerweise ihre Seminarinhalte angeboten bekommen, und sie müssen mit den social-media Möglichkeiten von SHRIMP spielen: liken, diskutieren, annotieren. Und die Lehrenden müssen sich auch davon lösen, dass die Studierenden die Sitzung vorbereiten, indem sie von vorne nach hinten alle genau den gleichen Text lesen. Bei diesen Umstellungen lernen alle Beteiligten sehr viel — über die Inhalte des Seminars, aber auch über die (eigenen) Lesestrategien, darüber, was einen selbst und die anderen in der Seminargruppe interessiert, und sogar darüber, wie die Linearität von Texten (und von Gedankengängen) funktioniert.

SHRIMP muss es geben, weil unsere Studierenden eine enorme Kompetenz im Umgang mit nichtlinearen, fluiden Textformen und mit dem gemeinsamen social-media-artigen Lesen mitbringen; eine Kompetenz, die wir gerade in der Studienanfangsphase nutzen wollen und sollten!

2. Welche Zielgruppe(n) will SHRIMP ansprechen?

Das Ziel von SHRIMP ist es, ein Lehr- und Lernmedium zu entwickeln, das sich speziell für die textbasierten Geisteswissenschaften eignet. Da der Aufwand, Seminarinhalte SHRIMP-tauglich zu machen, relativ hoch ist, lohnt es sich vor allem für standardisierte Seminare, in denen jedes Jahr oder jedes Semester die gleichen Inhalte angeboten werden. Als ein besonders flexibles Medium unterstützt es dabei die evolutionäre Weiterentwicklung von Seminaren; ein komplett neues Seminar aufzusetzen, erfordert aber zunächst relativ viel Aufwand.

3. Bitte führen Sie uns einmal kurz durch den Entstehungsprozess von SHRIMP. Wie kam es zu der Idee, wie gestalteten sich Pilot- und jetzt die erste Kooperationsphase? Was ist weiterhin geplant?

Die Idee hat sich recht organisch im Gespräch zwischen den Lehrenden am Institut für Amerikanistik entwickelt, wobei sicherlich eine Rolle spielte, dass es bei uns im Haus eine Reihe von Forschungsprojekten zu neuen, digitalen Textformen gibt — und eine gewisse Tradition, mit neuen Formaten in der Lehre zu experimentieren. Ich bin sicher, ähnliche Überlegungen gibt es an vielen Orten. Das Entscheidende war, dass wir dann, dank der Förderung durch die Leipziger LaborUniversität, ‘einfach mal loslegen’ konnten. In der Pilotphase konnten so genau die richtigen Leute zusammen kommen, um das Ganze von einer Idee zu einem wirklichen Konzept, zu einem Modell, zu einem Prototypen und schließlich zu einer funktionierenden Plattform zu bringen. Die Diskussionen in der Arbeitsgruppe, in der Studierende, Promovierende und Lehrende gleichberechtigt zusammenarbeiteten, waren dabei der entscheidende Faktor für das Gelingen des Projektes: eine richtige startup-Atmosphäre voller Ideen, Skizzen, und Diskussionen.

Als die Plattform dann im Herbst 2015 fertig war, wurde sie im Wintersemester gut von den Studierenden angenommen, wir haben aber auch gelernt, was wir noch ändern müssen und wie sehr sich auch die Lehre noch einmal verändern muss, um dieses neue Medium ideal zu nutzen. Diese Pilotphase war also eine ganz wichtige Erfahrung für uns alle.

Um zu lernen, wie man SHRIMP optimal nutzt, war dann aber auch die Kooperationsphase mit der TU Dresden, ermöglicht durch die Förderung von Lehrpraxis im Transfer (LiT), sehr hilfreich. Die Amerikanistiken in Leipzig und Dresden haben sehr kompatible Vorstellungen von guter Hochschuldidaktik und davon, was die wirklich wichtigen Inhalte im amerikanistischen Studium sind. So war eine grundlegende Kompatibilität von Anfang an gegeben. Durch den Dialog zwischen den beiden Standorten sind wir dann auch noch einmal auf ganz neue Ideen gekommen, sowohl was die digitale Umsetzung angeht als auch was die konkrete Lehrsituation betrifft. In diesem Winter, 2016/17, wurde SHRIMP nun erstmals an beiden Standorten gleichzeitig eingesetzt—und auch das werden wir noch einmal ausführlich evaluieren.

4. Gibt es schon erste Ergebnisse und was waren/sind die entscheidenden Herausforderungen bei der Umsetzung des Projekts?

Ja, qualitative und quantitative Evaluation, nicht zuletzt über die umfangreichen, anonymen Metadaten, ist eine ganz wichtige Komponente des Projektes. Die statistische Auswertung hat sich dabei bisher darauf konzentriert, nachzuvollziehen, wie die Nutzung abläuft; dabei haben wir zum Beispiel gelernt, das viele Studierende sich die Inhalte zunächst vor allem über die Kapitelüberschriften erschließen, und dass viele Nutzerinnen und Nutzer offensichtlich etwas Angst haben, sich im Text zu verlieren. Sie machen einen Schritt aus dem linearen Lesefluss heraus, kehren dann aber an die vorige Stelle zurück um dann dort weiterzulesen. Wir müssen das noch weiter untersuchen, nehmen aber an, dass das die kognitiven Prozesse beim Lernen abbildet: bei dem Versuch, neues Wissen zu ordnen, versuchen die Studierenden, einen möglichst zusammenhängenden Pfad zu gehen. Wenn wir hier also eine noch stärker assoziative Erschließung fördern wollen, müssen sich auch die Inhalte ändern. Die qualitative Auswertung hat vor allem ergeben, dass die Studierenden selbst, ganz subjektiv, das Medium als eine große Bereicherung empfinden — vor allem, weil es den Lese- und Lernprozess spielerischer macht.

Wenn wir für das Projekt weitere Fördermittel erschließen können, werden wir den Fragestellungen aus den ersten Runden, die ihrerseits neue Fragen aufwerfen, weiter nachgehen: Was lässt sich im Sinne von ‘learning analytics’ aus den Nutzungsdaten über die kognitiven Prozesse beim Lernen ablesen? Und wie können wir die Inhalte so optimieren, dass Sie zu möglichst konstruktiven, robusten Lernprozessen führen?

5. Warum sollte Lehre heute digital sein bzw. welche Vorteile bringt die Lehrentwicklung mit digitalen Medien gerade im Bereich der Geisteswissenschaften?

Es gibt ja eine recht lebhafte Debatte darüber, ob das Lesen am Bildschirm zu schlechteren Lernprozessen führt, ob die Digitalisierung der Lehre eigentlich eine Fehlentwicklung ist, und ob nicht der manuelle, ‘handgreifliche’ Umgang mit analogen Materialien ein wichtiger Faktor beim Lernen ist. Und es gibt natürlich gute Gründe, auch eine analoge Ebene im Lehrangebot zu haben, schon alleine, weil es wichtig ist, für unterschiedliche Lerntypen unterschiedliche Angebote zu machen.

Gleichzeitig ist nicht von der Hand zu weisen, dass unsere Studierenden zunehmend in digitalen Textwelten aufgewachsen sind, dass sie gewohnt sind, dass sich Inhalte teilen, bewerten und manipulieren lassen. Sie gehen mit Text ganz anders um, als das noch ein oder zwei Generationen vorher der Fall war. Da kann man jetzt jammern, oder man kann versuchen, ihnen das auszutreiben, oder aber man sucht nach Möglichkeiten, diese alternativen Fähigkeiten im Umgang mit Texten für den Lernprozess zu nutzen. Das ist der Weg, den wir mit SHRIMP beschreiten.

Die ersten Phasen des E-Learning nutzten die Interaktion mit dem Computer ja vor allem, um in einer Art ‘pattern drill’ stark formalisiertes Speicherwissen zu üben, oder sie nutzten das Internet einfach als einen ‘Vertriebsweg’ für Texte, die dann nicht mehr als Papierkopie sondern als PDF-Datei verteilt wurden. Dabei bietet die Digitalisierung, gerade für die textbasierten Geisteswissenschaften, noch viel weitergehende Möglichkeiten, mit großen Textmengen ganz anders, kreativ und dynamisch umzugehen. Diese Möglichkeiten müssen wir finden und nutzen.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt: Die Geisteswissenschaften bilden ja üblicherweise gerade nicht für ein spezifisches Berufsbild aus: Stattdessen geht es uns darum, die Studierenden darauf vorzubereiten, immer kompliziertere, unübersichtlichere und dynamischere Wissens-Landschaften zu verstehen, zu betreten, zu beackern — weil unsere Gesellschaft Menschen mit genau dieser Fähigkeit immer dringender und in immer größerer Zahl und in immer mehr Bereichen braucht. Wir sehen es ja gerade an der Debatte um fake news, um twitter bots, und um das vermeintlich post-faktische Zeitalter: wir brauchen Menschen, die diese zwei Fähigkeiten zusammenbringen: die Fähigkeit, sich in den fragmentierten, widersprüchlichen Wissenslandschaften forschend, suchend und ordnend zu bewegen, und die Fähigkeit, daraus kohärente, stimmige, sinn-volle Zusammenhänge abzuleiten. Letzteres – die Fähigkeit zur Interpretation – ist die Kernkompetenz der Geisteswissenschaften, und wir versuchen diese um die Lesekompetenz für nicht-lineare Informationen zu bereichern.

6. Vor kurzem haben Sie sich für eine externe Evaluierung entschieden. Warum erschien Ihnen eine solche Evaluation sinnvoll? Welches Fazit ziehen Sie aus den Ergebnissen?

Für uns war es wichtig, zusätzlich zu unserer eigenen Perspektive auch noch einen Blick auf das Projekt zu bekommen von Leuten, die nicht an der Entwicklung beteiligt waren und die auch noch eine andere fachliche Perspektive haben. Als Amerikanisten sind wir ja von unserer fachlichen Ausbildung her gerade keine Didaktiker. Deshalb ist es eine außerordentliche Bereicherung, jetzt durch eine Kooperation mit der Mediendidaktik am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig , die seit dem Windersemester 2016/17 läuft, noch zwei Promovierende im Projekt zu haben, die eine ganz andere fachliche Perspektive haben. Sie blicken kritisch und mit frischen Ideen auf den Zusammenhang zwischen Medium und Lernerfolg , und haben uns schon jetzt, während des Evaluationsprozesses, viele neue Impulse ins Projekt gebracht.
So gesehen hat SHRIMP sich als ein außerordentlich interdisziplinäres Projekt erwiesen. Schon in seinem Kern brachte es die Fächer Informatik und Amerikanistik zusammen, und nun haben wir zusätzlich die Kooperation mit Prof. Katja Kanzler in Dresden, die eine zusätzliche amerikanistische Perspektive beisteuert. Wir haben sehr kollegiale Arbeitstreffen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Prof. Alfred Winter am Institut für Medizinische Informatik gehabt, und wir haben die Kooperation mit der Professur für Medienkompetenz- und Aneignungsforschung, Prof. Dr. Sonja Ganguin. Das alleine zeigt, was für ein lebendiges, über Orts- und Disziplinengrenzen hinweg wichtiges Gebiet SHRIMP bearbeitet.

 

Das Gespräch führte Julia Menzel.

Website: http://www.shrimpp.de/
Projektblog: http://www.shrimpp.de/shrimp/blog
Facebook: https://www.facebook.com/shrimpp.de

 

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