Digitalität in den Geisteswissenschaften

Ein Nachschlagewerk zu den digitalen Geisteswissenschaften

Von der Selbstverständlichkeit digitaler Kulturen

Es gab eine Zeit, in der das Digitale etwas Besonderes war, dem man bewusst begegnete. Heute ist es zur selbstverständlichen Bedingung des Alltags geworden. Diese Selbstverständlichkeit ist selbst ein Gegenstand, über den sich nachdenken lohnt.

Vom Ereignis zur Gewohnheit

Der erste eigene Computer, die erste E-Mail, die erste Suche im Netz waren für viele Menschen noch Ereignisse. Inzwischen sind digitale Geräte und Dienste so tief in den Tagesablauf eingewoben, dass sie kaum noch auffallen. Man bemerkt sie erst wieder, wenn sie ausfallen. Diese Verschiebung vom auffälligen Ereignis zur unbemerkten Gewohnheit ist kennzeichnend für das, was man digitale Kultur nennt.

Warum Selbstverständlichkeit nicht harmlos ist

Was selbstverständlich geworden ist, entzieht sich leicht der Aufmerksamkeit. Entscheidungen, die einmal bewusst getroffen wurden, welche Plattform man nutzt, welche Daten man preisgibt, welche Ordnung eine Software vorgibt, erscheinen dann als natürliche Gegebenheiten. Gerade die Geisteswissenschaften haben die Aufgabe, solche scheinbaren Selbstverständlichkeiten wieder sichtbar zu machen und zu fragen, wie sie entstanden sind und wessen Interessen sich in ihnen niedergeschlagen haben.

Ein Gegenstand für die Geisteswissenschaften

Digitale Kulturen lassen sich mit denselben Mitteln untersuchen, mit denen die Geisteswissenschaften immer gearbeitet haben: mit genauem Beobachten, mit historischem Vergleich, mit der Frage nach Bedeutung und Wirkung. Der Unterschied liegt allein im Gegenstand. Wo früher ein Roman oder ein Gemälde stand, steht nun vielleicht eine Suchmaschine, ein soziales Netzwerk oder die stille Ordnung einer Datenbank. Das Nachdenken darüber gehört zu den lohnendsten Aufgaben eines Fachs, das den Menschen und seine Ausdrucksformen ernst nimmt.